„Hegel bemerkt irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Thatsachen sich so zu sagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als große Tragödie, das andere Mal als lumpige Farce.“ Dies sind die einleitenden Worte von Karl Marx‘ „Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, einer hellsichtigen Abhandlung über die französische Februarrevolution von 1848 und die nachfolgende Zeit bis zum erfolgreichen Staatsstreich Louis Napoleons am 2. Dezember 1851. Es gibt viele Gründe diesen Text zu lesen; die eindimensionale und in höchstem Maße irreführende Geschichtsauffassung seines Autors ist keiner davon. Eher schon ist in diesem Werk ein Ursprung der allgemeinen Revolutionstheorie zu suchen. Karl Marx selbst beteiligte sich an der deutschen Erhebung von 1848, und als er 1852 „Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ schrieb, da tat er das als enttäuschter Revolutionär, dessen wie auch immer geartete Naherwartung der klassenlosen Gesellschaft vorerst gebremst schien. Die grundlegenden Mechanismen der Revolution glaubte er jedoch durchschaut zu haben: „Die Tradition aller todten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüme, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen.“ Luthers Reformationsbewegung suchte die Rückkehr zur Urkirche zu erreichen, der Engländer Cromwell zitierte das Alte Testament und die Französische Revolution von 1789 schwankte stets zwischen römischer Republik und römischem Kaisertum, nur um später selbst Vorbild zu werden für zahlreiche europäische Umstürze. Marx zeigt am Beispiel der Ereignisse von 1848 bis 1851 auch, welch entscheidende Rolle das sich im 19. Jahrhundert in weiten Teilen Europas organisierende Staatswesen einnahm, wie es schon sehr bald nach seinem Entstehen ein Interesse an der eigenen Selbsterhaltung entwickelte und dem Volk sein Machtgebot aufzuerlegen vermochte – gerade in Zeiten gesellschaftlicher Unruhen. In einem für ein Proseminar verfassten kurzen Essay, das dieser Einleitung nachfolgt, habe ich anhand einer streng werkimmanent gehaltenen Argumentation versucht, Marx’ Analyse des Staates in „Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ zusammenfassend nachzuzeichnen. Zitiert wird nach folgender Ausgabe: Marx, Karl: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in: MEW, Bd. 8, Berlin/DDR 1960, S. 111-207. Die Seitenzahlen werden in Klammern im Text angegeben.
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Die Revolution, für Karl Marx nicht weniger als die praktische Umsetzung historischer Notwendigkeit, war die „Lokomotive der gesellschaftlichen Entwicklung“ auf dem eingleisigen Schienensystem seiner teleologischen Geschichtsauffassung. Wie die Bourgeoisie 1789 den feudalabsolutistischen Ständestaat Frankreichs, wie die Bourgeoisie 1830 die Restauration, so würde das Proletariat einst seinerseits die Bourgeoisie beseitigen, sich seiner Ketten entledigen und den Kommunismus als die endgültige Verfasstheit der Gesellschaft etablieren. Als dann im Februar 1848 die Pariser Stadtbevölkerung abermals Barrikaden errichtete und zum Widerstand gegen die bestehende Ordnung aufrief, schien eine Beseitigung der kapitalistischen Institutionen im Sinne einer Arbeiterrevolution in greifbare Nähe gerückt. Doch die Revolution von 1848 schuf nicht die klassenlose Gesellschaft, sondern endete, wie schon ihr Vorbild aus dem Jahre 1789, mit der Herrschaft eines Sprösslings der korsischen Patrizierfamilie Bonaparte. In „Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ versucht Karl Marx zu erklären, warum die Revolution letztlich scheiterte und in ihr Gegenteil umschlug; also „wie eine Nation von 36 Millionen durch drei Industrieritter überrascht und widerstandslos in die Gefangenschaft abgeführt werden“ (S.120) konnte. Das multikausale Erklärungsmodell für den Ablauf der Ereignisse zwischen dem 24. Februar 1848 und dem 2. Dezember 1951, das Marx in der erstmals im Jahre 1852 veröffentlichten Schrift entwickelt, enthält viel politische Polemik, abseits dessen aber auch die Weiterentwicklung von Marx‘ theoretischen Konzepten, so zum Beispiel des Klassenbegriffs und seiner staatstheoretischen Überlegungen; letzteres in Form einer Analyse der sich verselbständigenden Staatsmacht, die im Juni 1848 erstmals ihre ungeheure Überlegenheit demonstrierte.
Der Juniaufstand des Pariser Proletariats gegen die Schließung der französischen Nationalwerkstätten, den Karl Marx für das „kolossalst[e] Ereignis in der Geschichte der europäischen Bürgerkriege“ (S. 121) hielt, während sein Zeitgenosse Alexis de Tocqueville gar vom „größten [Aufstand] unserer und vielleicht auch der Weltgeschichte“ sprach, wurde von Nationalgarde und Armee innerhalb von nur drei Tagen „niederkartätscht“ (S. 125). In der Logik des Klassengegensatzes war es eine Niederlage des Proletariats gegen die Bourgeoisie – unterstützt durch die ungeahnte militärische Überlegenheit des modernen Staates. Zwar agierte die Staatsmacht hier noch als politische Gewalt der herrschenden Klasse zur Unterdrückung der untertänigen, doch hatte sie sich seit Napoleon in einer mannigfaltigen Weise weiterentwickelt, so dass sie längst selbstbewusst „nach Eigenmacht strebte“ (S. 197). Louis Bonaparte befand sich nach seiner Wahl zum Präsidenten am 10. Dezember 1848 und schließlich seinem Staatsstreich am 2. Dezember 1851 also im Besitz „einer ganz anderen Exekutivgewalt [..] als Cromwell oder Napoleon“ (S. 192), denn auch wenn es so schien, als sei der Staat „zu seiner ältesten Form zurückgekehrt, zur unverschämt einfachen Herrschaft von Säbel und Kutte“ (S. 118), so hatte er seit der Abschaffung des Absolutismus eine gewaltige Entwicklung genommen: Vormals herrschaftliche Privilegien wurden in seinen Händen gebündelt, feudale Würdenträger zu Beamten gemacht und mittelalterliche Machtstrukturen aufgelöst. Die Revolution von 1789 schuf schließlich die Grande Nation und zentralisierte die Regierungsgewalt. „Napoleon vollendete diese Staatsmaschinerie“ (S.197) und auch alle weiteren Umwälzungen „vervollkommneten die Maschine statt sie zu brechen“ (ebd.). Nur allzu oft handelte es sich in dieser Zeit um „Sein oder Nichtsein der bestehenden Staatsform“ (S. 184), nie aber ernsthaft um Sein oder Nichtsein des Staates an sich, mitsamt seiner „ungeheuren bürokratischen und militärischen Organisation, [..] ein[em] Beamtenheer von einer halben Million neben einer Armee von einer andern halben Million“ (S. 196). Doch war eben diese Maschine zunächst „nur das Mittel, die Klassenherrschaft der Bourgeoisie vorzubereiten“ und später – auch noch im Juni 1848 – nicht mehr als „das Instrument der herrschenden Klasse“, so schien sie sich unter Louis Bonaparte „völlig verselbständigt zu haben“ (S. 197). In dem Moment, als Louis Bonaparte ihr den „Heiligenschein abstreift, sie profaniert, sie zugleich ekelhaft und lächerlich macht“ (S. 207), offenbarte sie sich als ein geschlossenes Sozialsystem, das sich weitgehend selbst organisierte und der Gesellschaft das Machtgebot seiner „allgewaltigen und zahllosen Bureaukratie“ (S. 202) auferlegte, sich also „die Gesellschaft unterordnet“ (S. 199). Eine wichtige Rolle spielte hierbei die Armee als die letztlich ausführende Instanz, als die „entscheidende Staatsgewalt“ (S. 190) in Zeiten politischer Unruhen. Sie erwies sich nicht nur als käuflich „durch Schnaps und Würste“ (S. 197), sondern auch sie selbst hatte in der Vergangenheit die Unterstützung der Landbevölkerung erkauft, indem sie den gerade erst neu gewonnenen Besitz der Parzellenbauern verteidigte und durch ihre Erfolge im Ausland das nationale Bewusstsein stärkte. Die in Krisenzeiten auftretende Ordnungsmacht entwickelte sich zur „trunkenen Soldateska“ (S. 197), die früher oder später auf die Idee kommen musste, anstatt regelmäßig den schlechtbezahlten Gendarmeriedienst zu verrichten, „lieber ein für allemal die Gesellschaft zu retten, indem sie ihr eigenes Regime als das oberste ausrief und die bürgerliche Gesellschaft ganz von der Sorge befreite, sich selbst zu regieren“ (S. 130) – zumal sie bei dauerhafter Beschäftigung auch eine bessere Bezahlung erwarten konnte.
Finanzielle Grundlage des Staates aber, „Lebensquelle der Bürokratie, der Armee, der Pfaffen und des Hofes, kurz, des ganzen Apparats der Exekutivgewalt“ (S. 202), war die Steuer. Die Landreform der Großen Revolution schuf ein gleichmäßig verteiltes Parzelleneigentum, das aufgrund der gesellschaftlichen Umwälzungen direkt durch den Staat besteuert werden konnte, ohne den Umweg über Feudal- und Grundherren. Der autoritäre Staat war auf diese Geldquelle angewiesen, um seinen Verwaltungs- und Machtapparat finanzieren zu können. Die Parzellenbauern, durch ihre Produktionsweise voneinander isoliert, waren ihrerseits unfähig, ein eigenes Klasseninteresse zu formulieren und zu vertreten. Sie bedurften daher eines außenstehenden Vertreters, der „zugleich als ihr Herr, als eine Autorität über ihnen erscheinen [musste], als eine unumschränkte Regierungsgewalt, die sie vor den andern Klassen beschützt und ihnen von oben Regen und Sonnenschein schickt“ (S. 198f.). Es bestand deshalb eine gegenseitige Abhängigkeit, die mit dem Aufstieg Louis Bonapartes nur noch verfestigt wurde. Vorwiegend die Landbevölkerung war es, die ihn am 10. Dezember 1848 mit einer großen Mehrheit zum Präsidenten wählte. Als Neffe Napoleons stand er für die Landreform, der die Bauern ihren gesamten Besitz verdankten und deren Ergebnis unter Napoleons Herrschaft konsolidiert wurde; schlechterdings galt Louis Bonaparte ihnen als die Reinkarnation seines Onkels, als ein Mann, der Herrlichkeit vergangener Tage wiederherstellen würde. Mit diesem „Wunderglauben“ (S. 199) gesegnet, verband sie ihr eigenes Schicksal mit dem des Prätendenten auf die Kaiserwürde. Sein Plan, in die Fußstapfen Napoleons zu treten, seine „fixe Idee [..] verwirklicht sich, weil sie mit der fixen Idee der zahlreichsten Klasse der Franzosen zusammenfiel“ (ebd.). Die Revolution von 1848 erlag mithin der Konterrevolution und aus den unruhigen Zeiten seit dem Sturz der Julimonarchie ging am 2. Dezember 1851 Louis Bonaparte endgültig als Sieger hervor, als er die gesamte politische Macht im französischen Staat auf seine Person vereinigte. Das Proletariat war geschlagen, die Landbevölkerung stand auf seiner Seite und die Bourgeoisie als herrschende Klasse versuchte mitnichten, ihre mit der Auflösung des Parlaments verlorene Macht zurückzuerobern. Sie hatte eingesehen, dass „um ihre gesellschaftliche Macht unversehrt zu erhalten, ihre politische Macht gebrochen werden müsse“ (S. 154). Dem Klassenkampf zog sie vor, „daß ihre Klasse neben den andern Klassen zu gleicher politischer Nichtigkeit verdammt“ (ebd.) wurde. Die Bourgeoisie bewies, „daß der Kampf um die Behauptung ihres öffentlichen Interesses, ihres eignen Klasseninteresses, ihrer politischen Macht, sie als Störung des Privatgeschäfts nur belästige und verstimme“ (S. 183, Hervorhebungen im Original). Hatte sich der Staat auch vom Instrument der herrschenden Klasse zur verselbständigten Maschine gewandelt, die bürgerliche Parole „Liberté, égalité, fraternité!“ ersetzt durch „die unzweideutigen Worte: Infantrie, Kavallerie, Artillerie!“ (S. 148), so war diese Entwicklung von Anfang an ein Ausdruck des politischen Interesses der Bourgeoisie, das sie zwang, „die Repression, also die Mittel und das Personal der Staatsgewalt, täglich zu vermehren, während sie gleichzeitig einen ununterbrochenen Krieg gegen die öffentliche Meinung führen und die selbständigen Bewegungsorgane der Gesellschaft mißtrauisch verstümmeln, lähmen mußte, wo es ihr nicht gelang, sie gänzlich zu amputieren“ (S. 151), bis der Staat schließlich zu seiner Übermacht gelangt war. Und mochte sie auch ihre politische Macht verloren haben, so blieb ihr materielles Interesse „auf das innigste mit der Erhaltung jener breiten und vielverzweigten Staatsmaschine verwebt“ (ebd.). Der autoritäre Staat des Louis Bonaparte verband politische Fremdbestimmung, die „Despotie eines Individuums“ (S. 196), mit individueller Selbstbestimmung. Er sorgte für stabile politische Verhältnisse und gestattete den Mitgliedern der Bourgeoisie, ungestört ihren Privatinteressen nachzugehen.
Marx spricht vom „Gegensatz der Staatsgewalt zur Gesellschaft“ (S. 203), der sich in diesen neuen Verhältnissen manifestiert. Finanziell stützte sich der französische Staat auf die Steuer, als Massenbasis hatte er die Parzellenbauern und das Lumpenproletariat, als Machtgrundlage die Armee. Er entstand auf den Trümmern der alteuropäischen Insititutionen, die der Revolution von 1789 zum Opfer gefallen waren, und wuchs mit seinen Aufgaben, die einerseits vor allem militärischer Natur waren, andererseits darin bestanden, die Errungenschaften des Bürgertums gleichermaßen vor Reaktion und sozialistischer Revolution zu schützen. Schließlich aber wurde seine Existenz zum Selbstzweck. Mit dem Staatsstreich einer in den Augen ihrer Zeitgenossen derart mediokren Persönlichkeit wie Louis Bonaparte war diese Entwicklung für Marx zu ihrem Abschluss gekommen. Soweit auch die zentrale Beobachtung seiner staatstheoretischen Überlegungen in „Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“: „Die Staatsmaschinerie hat sich der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber so befestigt, daß an der Spitze der Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember genügt“ (S. 197), eine „klägliche Gestalt“ (S. 148) mit ihrer „pfiffigen Dummheit“ (S. 136), ein „herbeigelaufene[r] Glücksritter“ (S. 197) und krimineller „Flibustier“ (S. 136), ein „Hanswurst“ (S. 161) und „Held Krapülinski“ (S. 123).