Schlafmangel
— 18. Oktober 2012Schlafmangel ist das Halluzinogen der Tüchtigen.
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Dinge, die man davontragen kann: Schäden, Verletzungen, Diebesgut. Aber auch: Siege. Das Forschungszentrum für Historische Geisteswissenschaften und der Förderverein historiae faveo haben einen Essay-Preis ausgeschrieben und ich habe ihn gewonnen. Das Thema lautete: „Werden das geschriebene Wort und die deutsche Sprache auch im 21. Jahrhundert ein wichtiges Medium der Geisteswissenschaften bleiben?“
Ich möchte mein Essay hier veröffentlichen. Zuerst jedoch wird man mir die Unverschämtheit verzeihen müssen, mit der ich folgende Bemerkung voranstelle: So richtig gefallen will mir mein Text nicht, weder sprachlich noch argumentativ. Ich war am Tag der Abgabe unzufrieden damit und bin es auch heute noch. Allein den Preis gewonnen zu haben, das ist natürlich das Großartigste überhaupt. Mein Dank gilt den Ausrichtern und der Jury: Vielen Dank für die Auszeichnung, ich habe mich sehr gefreut.
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Während einer Spekulationsblase zu Beginn der 1820er Jahre wurden an der Londoner Börse zahlreiche Unternehmen mit aberwitzigen Zielsetzungen gehandelt; darunter eines, das die Trockenlegung des Roten Meeres plante. Die dessen Aktien zeichneten, bleiben der spottenden Nachwelt, wo schon nicht als Finanzgenies, so doch zumindest als gute Christen in Erinnerung, gesegnet mit dem festen Glauben an die Korrektheit der biblischen Überlieferung. Insbesondere an Exodus 14, 27-28:
„27Da streckte Mose seine Hand aus über das Meer, und das Meer kam beim Anbruch des Morgens wieder in seine Strömung, und die Ägypter flohen ihm entgegen. So stürzte der Herr die Ägypter mitten ins Meer. 28Denn die Wasser fluteten zurück und bedeckten die Streitwagen und Reiter der ganzen Macht des Pharao, die ihnen ins Meer nachgefolgt waren, so daß auch nicht einer von ihnen übrigblieb.“
Zur Erinnerung: Dieser Episode alttestamentarischer Grausamkeit vorangegangen war der Auszug der Israeliten aus Ägypten. Verfolgt vom Heer des Pharao erreichten sie das „Schilfmeer“ (nach populärer Deutung gleichzusetzen mit dem Roten Meer); Moses teilte mit seinem Stab die Fluten und die Israeliten gelangten trockenen Fußes zum anderen Ufer. Ihre Verfolger aber wurden auf halbem Weg vom zurückströmenden Wasser überrascht. Der Plan des Unternehmens war es nun, das Meer trockenzulegen und die auf dem Meeresgrund vermuteten Schätze der ertrunkenen Ägypter zu bergen.
Dies ist nur eines der üblichen, angeblich historischen Beispiele für die Auswüchse der Börsenspekulation. Es gibt noch mehr davon. So die wiederkehrende Geschäftsidee, mit dem Geld vertrauensseliger Anleger die Konstruktion eines Perpetuum mobile zu versuchen, Bauunternehmen, die sich auf die Errichtung von Heimen zur Unterbringung unehelicher Kinder spezialisieren wollten, und jene sich während der Südsee-Spekulationsblase von 1720 angeblich gut verkaufende Aktie „zur Finanzierung eines Vorhabens, das zu gegebener Zeit bekannt gegeben werden soll“. Überliefert werden sie zumeist in Nebensätzen oder allenfalls anekdotenhaften Einschüben, als fun facts in ansonsten ihrer Natur nach eher trockenen Abhandlungen über die Geschichte der Banken, der Finanzmärkte, des Kapitalismus usf., als gedankenlose Zote oder als ernst gemeinter Beleg für eine vermeintliche historische Konstante, nämlich die immerwährende Bereitschaft der Menschen, Dummheiten zu begehen. Selbst in seriösen Texten mit einem ausgewachsenen wissenschaftlichen Apparat finden sich für derlei Kuriositäten selten Quellenangaben. Es scheint, als würde ihnen schon die Häufigkeit ihrer Erwähnung Glaubwürdigkeit verleihen.
So verhält es sich auch mit der eingangs erzählten Anekdote über die geplante Trockenlegung des Roten Meeres. Allein der einflussreiche Ökonom John Kenneth Galbraith (1908-2006), seinen zahlreichen Nachrufen zufolge Träger von sage und schreibe fünfzig Ehrendoktorwürden, wusste in jüngerer Zeit eine Quelle zu nennen, als er das Unternehmen in seinem 1993 erschienenen Büchlein A Short History of Financial Euhporia kurz erwähnte. Seine Angaben scheinen ein willkommener Einstiegspunkt in die Suche nach dem Ursprung der Geschichte. Galbraith verweist auf „Andreas Andréadès, History of the Bank of England: 1640 to 1903, 2nd ed. (London: P. S. King & Son, 1924), p. 250, citing Juglar, Les crises economiques, p. 334.“ Man würde nun zunächst erwarten, an genanntem Ort etwa eine Kontextualisierung dieser kruden Geschichte oder gar einen handfesten Hinweis auf ihren Wahrheitsgehalt zu finden. Ein Blick in Andréadès‘ History of the Bank of England jedoch führt zu wenig mehr als der Feststellung, dass hier das Unternehmen noch knapper und unvermittelter erwähnt wird als bei Galbraith selbst (in einer Fußnote!). Galbraith trägt dem gewissermaßen Rechnung, indem er die von Andréadès angegebene vermeintliche Originalquelle nennt, nämlich Les crises économiques von Clément Juglar. Einen Titel, den es überhaupt nicht gibt. Weder Andréadès, dem beim Bibliografieren ein Fehler unterlaufen sein muss, noch Galbraith, der durch ungeprüftes Abschreiben dieser fehlerhaften Angabe dasteht wie ein Anfänger, bescheren uns also einen nennenswerten Informationsgewinn. Überhaupt legt erst eine kurze Recherche nahe, die beiden könnten Juglars Hauptwerk Des crises commerciales et de leur retour périodique en France, en Angleterre et aux États-Unis gemeint haben. Und tatsächlich werden wir fündig in dessen zweiter Edition (Paris 1889) auf der von Andréadès korrekt angegebenen Seite 334, wo Juglar der Episode zwei Halbsätze widmet. Hier jedoch endet die Spur, denn er verzichtet auf einen Quellenverweis. Juglar weiß lediglich zu berichten, was meistens berichtet wird, wenn eine solche Unternehmung zur Sprache kommt: „Elle trouva des souscripteurs!“
Wo also hat die Geschichte ihren Ursprung? Man würde vermuten, sie könnte bereits unter Zeitgenossen für reichlich Diskussionsstoff gesorgt haben. Doch eine Volltextsuche in der Datenbank 19th Century British Library Newspapers, die 49 ausgewählte Zeitungen des 19. Jahrhunderts aus dem Archiv der British Library umfasst (ca. 2 Mio. digitalisierte Seiten), fördert nichts zutage. Vielleicht wären wir für den Rest unseres Lebens zu rastloser Suche (oder zumindest resignativer Ungewissheit) verdammt, hätte Google nicht 2004 begonnen, mit begrenzter Rücksicht auf Urheberrechtsfragen die kompletten Bücherbestände zahlreicher amerikanischer und europäischer Bibliotheken Seite für Seite einzuscannen. 15 Millionen Bücher liegen mittlerweile in digitalisierter Form vor und können via Google Book Search durchsucht werden. Nach einer kaum abendfüllenden Recherche stoßen wir so auf einen gewissen John Francis, der sich 1847 (wie später Andréadès) an einer History of the Bank of England versuchte. Francis hat allen bisher genannten Personen zwei Dinge voraus: Erstens verweilte er zu Zeiten der besagten Spekulationsblase in London, er ist also Zeit- und Augenzeuge. Zweitens vermag er – anders als Galbraith, Andréadès und Juglar – den Ursprung der Geschichte zu nennen und selbige in einen Gesamtzusammenhang einzuordnen. Seine Schilderung der Anekdote ist außerdem die früheste auffindbare, weshalb sie sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit als deren Urversion identifizieren lässt. Francis schreibt: „The writer remembers to have seen [...] the prospectus of a company to drain the Red Sea, in search of gold and jewels left by the Egyptians, in their passage after the Israelites.“1 Auf diesen Satz beziehen sich mutmaßlich unzählige Autoren, die die Geschichte von der Unternehmung zur Trockenlegung des Roten Meeres nacherzählt haben. Und immer unterschlagen sie eine Kleinigkeit: Es handelte sich um einen Scherz.
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Der Tag ist nicht weit, an dem das ökonomische Problem in die hinteren Ränge verbannt werden wird, dort, wohin es gehört. Dann werden Herz und Kopf sich wieder mit unseren wirklichen Problemen befassen können – den Fragen nach dem Leben und den menschlichen Beziehungen, nach der Schöpfung, nach unserem Verhalten und nach der Religion.
- John Maynard Keynes
Noch lässt der Weltgeist mit der Einlösung dieses nachgerade vulgärmarxistischen Heilsversprechens auf sich warten. Wir müssen uns deshalb mit einer von mir verfassten Seminararbeit vertrösten, die den Titel “John Maynard Keynes und die Weltwirtschaftskrise” trägt.
Ich finde sie halbwegs lesbar.
Zur Hausarbeit: John Maynard Keynes und die Weltwirtschaftskrise (PDF)
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Fragt man nach dem historischen Ursprung des deutschen Selbstverständnisses, nach dem „stinkenden Kadaver ‚Deutschland‘ und jenen ‚Deutschen‘, die ihn ausbuddeln und wiederbeleben wollen“ (Hermann L. Gremliza)1, so stößt man über verschiedene Umwege sehr bald auf die ethnographische Schrift Germania des römischen Autors Tacitus. Tacitus, der wahrscheinlich nie einen Fuß über die Alpen gesetzt hat, beschreibt in diesem auf den Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. datierten Werk die Völker Germaniens, die Germanen.
Es gibt drei Theorien darüber, welche Absichten er damit verfolgt haben könnte. Vielleicht wollte er (1) erklären, weshalb es Rom trotz jahrzehntelanger Bemühungen nicht gelungen war, Germanien zu unterwerfen. Schließlich besteht die Germania zu einem Gutteil aus der Schilderung der germanischen Kriegstüchtigkeit. In der Forschung populärer scheint die These, dass (2) die Germania als Sittenspiegel konzipiert wurde. Tacitus könnte demnach versucht haben, seinen römischen Lesern ihre eigene Dekadenz vor Augen zu führen, indem er das Idealbild eines von der Zivilisation unverdorbenen Naturvolks zeichnete. Als ebenfalls möglich erachten manche, dass (3) es sich bei der Germania um eine primär aus einem wie auch immer gearteten Erkenntnisinteresse geschriebene und deshalb zumindest im Kern wirklichkeitsnahe Ethnographie handelt. So wirklich sicher ist man sich in dieser Frage heute nicht mehr. Mitte des 15. Jahrhunderts, als italienische Humanisten die Germania in einem nordhessischen Kloster wiederentdeckten, aber auch im Laufe der Neuzeit bis in das 20. Jahrhundert hinein, war das noch anders. Die Frage nach der Intention des Autors wurde selten gestellt; landläufig nahm man den Text „schlichtweg für bare Münze: So waren sie, unsere Vorfahren, und so sollten die Deutschen bleiben, wenn sie Bestand haben wollten in der Welt“ (Herfried Münkler).2 Die dabei stillschweigend vorausgesetzte, aber im Lichte der genaueren Betrachtung hoffnungslos naiv erscheinende Auffassung, dass die Deutschen Nachfahren der Germanen seien oder gar die Germanen Deutsche und die Deutschen Germanen, ist bis heute weit verbreitet.
Der von Tacitus aufgestellte Tugendkatalog fand ausgehend von der humanistischen Germania-Rezeption in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts schnell Eingang in das historisch-politische Bewusstsein. Die Männer beschreibt er als tapfer und stolz, freiheitsliebend und unbeugsam; dazu die Sittsamkeit der Frauen. Das hervorstechendste Merkmal der Tacitus-Germanen aber ist ihre Kriegstüchtigkeit. Sippen und Familien bilden im Kampf einzelne Schlachtkeile, das Heerwesen fußt auf Loyalitätsbeziehungen zwischen einzelnen Anführern und dessen Gefolgsleuten.
„Kommt es zur Schlacht, ist es schimpflich für den Gefolgsherrn, an Tapferkeit zurückzustehen, schimpflich für das Gefolge, es dem Herrn an Tapferkeit nicht gleichzutun. Doch für das ganze Leben lädt Schmach und Schande auf sich, wer seinen Herrn überlebend aus der Schlacht zurückkehrt. [..] Die Herren kämpfen für den Sieg, die Gefolgsleute für den Herrn“ (S. 12).3
Niemals erledigen die Germanen etwas anders als in Waffen, berichtet Tacitus, und „nicht so leicht könnte man einen Germanen dazu bringen, das Feld zu bestellen und die Ernte abzuwarten, als den Feind herauszufordern und sich Wunden zu holen; es gilt sogar für träge und schlaff, sich mit Schweiß zu erarbeiten, was man mit Blut erringen kann“ (S. 12f).
Die ausgefeilte und effektvolle Komposition dieser Zeilen geht selbst durch die Übersetzung aus dem Lateinischen kaum verloren. Die in ihnen konstruierte Gesellschaftsordnung ist attraktiv unkompliziert und naturverbunden, die angepriesenen Tugenden galten lange als zeitlos und unersetzlich. Der Erfolg, den dieser Text hatte, ist mit heutigen publizistischen Maßstäben längst nicht zu messen. „Kein anderes Dokument hat das deutsche Nationalgefühl so stark geprägt wie die Germania“, fasst der Historiker Horst Fuhrmann die Rezeptionsgeschichte des Werks zusammen.4 Wir finden Anspielungen und Hinweise auf die von Tacitus beschriebenen germanischen Eigenheiten in Johann Gottlieb Fichtes „Reden an die Deutsche Nation“, in August Heinrich Hoffmann von Fallerslebens „Lied der Deutschen“ und in unzähligen anderen für den deutschen Nationalismus bedeutenden kulturellen Erzeugnissen. Ihren Höhepunkt aber erreichte die Verherrlichung des Germanentums im Dritten Reich. Und nicht nur weil Tacitus der Auffassung war, dass „sich die Bevölkerung Germaniens niemals durch Heiraten mit Fremdstämmen vermischt hat und so ein reiner, nur sich selbst gleicher Menschenschlag von eigener Art geblieben ist“ (S. 5), spielte er hierbei eine Schlüsselrolle. Der Rassentheorie galt die Germania als unumstößlicher Beweis für die Reinheit des eigenen Blutes und die Wehrmacht appellierte bis zu ihrem endgültigen Zusammenbruch an die germanische Kriegerehre der deutschen Soldaten. So meldete das Oberkommando der Wehrmacht nach dem Selbstmord Adolf Hitlers am 2. Mai 1945:
„An der Spitze der heldenmütigen Verteidiger der Reichshauptstadt ist der Führer gefallen. Von dem Willen beseelt, sein Volk und Europa vor der Vernichtung durch den Bolschewismus zu erretten, hat er sein Leben geopfert. Dieses Vorbild ‚getreu bis zum Tode‘ ist für alle Soldaten verpflichtend.“5
Dazu gewissermaßen passend Tacitus in einem der weniger beachteten Kapitel der Germania: „So groß ist ihr Starrsinn an verkehrter Stelle; sie selbst reden von Treue“ (S. 19).
Den sich auf Tacitus berufenden Konstrukteuren des Germanenmythos lässt sich mit Tacitus antworten, so scheint es mitunter, und die im nationalen Wahn gezeichneten Bilder der vermeintlichen Vorfahren verlieren ihren Glanz, wenn man die Kapitel 22-24 der Germania aufschlägt. Die Germanen, gibt der Autor darin zu Protokoll, seien hemmungslose Säufer. „Tag und Nacht durchzuzechen, ist für niemanden eine Schande“ (S. 18) und allein das Glücksspiel treibt gelegentlich zur Nüchternheit. „Streitigkeiten sind häufig (es handelt sich ja um Betrunkene); sie enden selten mit bloßen Schimpfreden, öfters mit Totschlag und Blutvergießen“ (ebd.).
„Als Getränk dient ein Saft aus Gerste oder Weizen, der durch Gärung eine gewisse Ähnlichkeit mit Wein erhält; die Anwohner von Rhein und Donau kaufen auch Wein. [..] Wollte man ihnen, ihrer Trunksucht nachgebend, verschaffen, soviel sie wollen, so könnte man sie leichter durch ihr Laster als mit Waffen besiegen“ (ebd.).
Was dann doch wieder für eine engere Verwandtschaft spräche.
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Die nun folgende kurze Geschichte der staatlichen Verfolgung von Homosexuellen in der Bundesrepublik Deutschland beschränkt sich, wie das dritte Kapitel des Buches Genesis in der Bibel, auf die Schilderung der Ursünde und ihrer unmittelbaren Folgen. Die Ursünde, das ist in diesem Fall die unveränderte Übernahme des berüchtigten Paragraphen 175 des Reichsstrafegesetzbuches – rechtliche Grundlage der Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich – in das Strafrecht der Bonner Republik. Bei Androhung von bis zu zehn Jahren Zuchthaus standen „unzüchtige“ Handlungen zwischen Männern deshalb weiterhin unter Strafe; in der Folge führte die junge Bundesrepublik in den frühen Jahrzehnten ihrer Existenz einen unbarmherzigen Kampf und verhängte bis 1969 etwa 50.000 Urteile. Mehr noch: Homosexuellen, die in nationalsozialistische Konzentrationslager verschleppt worden waren („Rosa Winkel“), wurden die ihnen zustehenden Entschädigungszahlungen systematisch verweigert, während sie ständig in Angst einer erneuten Inhaftierung leben mussten. Erst 1969 wurde die staatliche Verfolgung homosexueller Männer eingeschränkt, wenngleich der Paragraph 175 in einer entschärften Fassung erhalten blieb. Dabei soll nicht der Eindruck entstehen, die antihomosexuelle Politik der Bundesrepublik Deutschland hätte dem okzidentalen Zeitgeist widersprochen: Auch die Europäische Menschenrechtskommission hielt bis in die 1980er Jahre hinein an der Auffassung fest, Gesetze gegen Homosexualität seien zum Schutze der Gesundheit und Moral in einer demokratischen Gesellschaft legitim. Die in Genf beheimatete Weltgesundheitsorganisation strich die Homosexualität gar erst 1992 aus der von ihr herausgegebenen „Internationalen Klassifikation der Krankheiten“.
Nun scheint es schwer vorstellbar, dass das, was vor 17 Jahren den Status einer Krankheit besaß, heute als gleichgestellter „Lebensentwurf“ Gültigkeit besitzen könnte – auch wenn diese Ansicht durchaus verbreitet sein mag. Man musste sich deshalb nicht wundern, als das Bundesland Baden-Württemberg zum 1. Januar 2006 sein Konzept für einen Fragebogen vorlegte, der mit dreißig Fragen die Weltanschauung einbürgerungswilliger Muslime auf ihre Verfassungsmäßigkeit hin überprüfen sollte. „Wie stehen Sie zu der Aussage, dass die Frau ihrem Ehemann gehorchen soll und dass dieser sie schlagen darf, wenn sie ihm nicht gehorsam ist?“, wurde zum Beispiel gefragt. Oder: „Ihre Tochter bewirbt sich um eine Stelle in Deutschland. Sie bekommt jedoch ein ablehnendes Schreiben. Später erfahren Sie, dass eine Schwarzafrikanerin aus Somalia die Stelle bekommen hat. Wie verhalten Sie sich?“ Dabei war der sog. „Muslim-Fragebogen“ witzigerweise so konzipiert, dass ihn nicht bestanden hätte, wer den offenkundigen Rassismus seiner Erfinder teilte. (Denn wie sonst sollte man eine Beschränkung der Verpflichtung zur Teilnahme auf Muslime nennen, wenn nicht rassistisch?) Diese Spitzenpointe zog seinerzeit beinahe die gesamte Aufmerksamkeit auf sich, weshalb einige interessante Aspekte weitgehend undiskutiert blieben: Die idealisierte Darstellung der hiesigen Lebensverhältnisse, die damit verbundene stocknaive Universalisierung westlicher Denkmuster und die gleichzeitige Stigmatisierung des Islam als das barbarische Vormoderne galt und gilt es (nicht nur in diesem Zusammenhang) zu kritisieren.
So dürfte folgendes im Fragebogen geschildertes Szenario nicht nur für einen „konservativen anatolischen Patriarchen“ (taz) den Weltuntergang bedeuten: „Stellen Sie sich vor, Ihr volljähriger Sohn kommt zu Ihnen und erklärt, er sei homosexuell und möchte gerne mit einem anderen Mann zusammen leben. Wie reagieren Sie?“ Denn freilich auch der deutsche Provinzkasper und seine urbane Entsprechung würden dem Wunsch ihres Sprösslings wenig Toleranz entgegen bringen. Genau genommen, würde das hierzulande kaum jemand: In einer im Jahr 2001 von TNS Emnid durchgeführten repräsentativen Umfrage gaben 80 Prozent der befragten deutschen Männer an, dass sie auf ein eigenes lesbisches oder schwules Kind eher oder sogar sehr negativ reagieren würden. Und obwohl diese Zahl entlarvend hoch sein mag, ist die Ausgangsthese des „Muslim-Fragebogens“ heute nicht unüblich: Muslime stehen unter dem Generalverdacht der Homophobie, während man sich selbst für uneingeschränkt tolerant hält. So lange die Schwulen einen nicht „anmachen“, versteht sich. Die vordergründig liberale Haltung zum Thema Homosexualität wird in der Regel aufgegeben, sobald man selbst davon „betroffen“ ist. Sei es ein schwuler Sohn oder seien es die Flirtversuche homosexueller Männer, welche die eigene heterosexuelle Identität vermeintlich untergraben. Einen makabren Gradmesser dafür, als wie „schwulenfreundlich“ („Der Spiegel“ et al.) eine von derartigen Denkmustern geprägte Gesellschaft gelten darf, liefert eine „Studie zur psychosozialen Lage junger Lesben, Schwuler und Bisexueller in Berlin“, die von der dortigen Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport herausgegeben wurde. Ihrzufolge hegten 60% der lesbisch-schwulen Teenager in der deutschen Hauptstadt in ihrem Leben zumindest einmal Suizidgedanken, während erschreckende 18% bereits einen Suizidversuch unternommen haben. Und wir sollten nicht vergessen: Diese Statistik umfasst lediglich diejenigen, die den Mut aufbringen, sich zu ihrer Homosexualität zu bekennen.
Das Problem des Homosexuellen, argumentierte bereits der blitzgescheite Heinrich Heine in einer 1830 veröffentlichten Polemik gegen den Poeten August Graf von Platen, sei schlechterdings, „daß er in einer Zeit lebt, wo er seine wahren Gefühle nicht nennen darf, wo dieselbe Sitte, die seiner Liebe immer feindlich entgegensteht, ihm sogar verbietet, seine Klage darüber unverhüllt auszusprechen“. Er erkannte dabei den historischen Charakter dieses Zustands, nicht aber dessen damalige teilweise Beschränkung auf den europäischen Kulturkreis. Beispielsweise ein zwanzig Jahre später von Gustave Flaubert während eines Aufenthalts in Kairo geschriebener Brief gibt Zeugnis, wie man anderswo mit im europäischen Sinne „homosexuellen“ Sexualpraktiken umging: „Hier ist es völlig akzeptiert [..] und man spricht am Tisch davon. Manchmal leugnet man ein kleines bisschen, dann hacken alle auf dir herum und es endet mit einem Geständnis.“
Einen tieferen Einblick in die Materie gewährt Georg Klaudas „Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt“. Das 168-seitige Essay liefert eine interessante Überblicksdarstellung der „Konzepte mann-männlicher Liebe und Lust in christlichen und muslimischen Gesellschaften“ und zeigt „den historischen Anteil des Westens an der Formierung anithomosexueller Diskriminierung in der islamischen Welt“.
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Das „P.M.“-Magazin ist eine monatlich erscheinende, populärwissenschaftliche Zeitschrift des Verlagshauses „Gruner + Jahr“, deren Auflage innerhalb der letzten zehn Jahre von 460.664 verkauften Exemplaren im Oktober 1998 auf 359.605 im Oktober 2008 gesunken ist (Quelle: IVW). Wieso das noch immer 359.605 Exemplare zu viel sind, beweist die Redaktion Monat für Monat selbst: Inmitten einer Umschau einfallslosesten Esoterik-Unfugs werden stets auf den Tag genau die Verschwörungstheorien von vorgestern diskutiert oder wahlweise der Leser in einigen wenigen tatsächlich ernst gemeinten Artikeln unermüdlich und in bester Schulmeister-Manier mit tausendmal gehörten Trivialitäten zu Tode gelangweilt. Geradezu vernünftig wirkt in diesem Zusammenhang der Ende der Neunziger gefasste Entschluss, aus dem ursprünglichen Titel „Peter Moosleitners interessantes Magazin“ das wertende Adjektiv ersatzlos zu streichen. So wird der grenzdebil lächelnde Buddha auf dem Titelbild der aktuellen Ausgabe zur Symbolfigur für das souveräne Verschlafen von Trends, für die ewiggestrige Geistlosigkeit, zumal für die latente Verachtung alles Wissenschaftlichen und mithin lautet die Überschrift der Titelgeschichte doch tatsächlich: „Der Buddha in jedem von uns. Wie die Macht des Denkens unser Gehirn verändert.“ Inwieweit derartige Umbauarbeiten im Oberstübchen Auswirkungen auf den geregelten Betriebsablauf haben können, möchte man die Redaktion des „P.M.“-Magazins bei nächster Gelegenheit fragen, einen zerknitterten Zettel aus der Hosentasche ziehen und einige weitere Themen des Januarhefts zum Besten geben, die man sich aufgeschrieben hat, aus Angst davor, ob der Absurdität des Zitierten an der eigenen Erinnerung zweifeln zu müssen: „Wieso mögen Mäuse kein Cola Light?“ oder „‚Ich war ein Paket.‘ – Wie ein P.M.-Reporter sich selbst verschickte“ und: „Müssen Aliens schlafen?“ Beziehungsweise: Müssen sich Menschen so einen Mist gefallen lassen? Nein, das müssen sie nicht. Denn sie können ja etwas anderes, etwas Besseres, Intelligenteres und Interessanteres lesen, wenn ihnen „Peter Moosleitners Magazin“ nicht mehr gefällt. Damit sie aber gar nicht erst auf diese Idee kommen, beschwört die Redaktion auf dem aktuellen Titelblatt vorsorglich noch eine andere Sache, als nur die bereits erwähnte speckköpfige Götzenfigur, etwas Abstrakteres, das sie in bester „Bild“-Zeitungs-Diktion als „Web-Gefahr“ bezeichnet. Auf Deutsch: „Kann das Internet die Demokratie gefährden?“
„Die Risiken sind größer, als wir wahrhaben wollten“, belehrt uns ab Seite 46 die für den dazugehörigen Artikel verantwortlich zeichnende Petra F. und beweist in der Folge, dass man offensichtlich weder die Demokratie noch das Internet sonderlich gut verstanden haben muss, um im „P.M.“-Magazin über die Demokratie und das Internet schreiben zu dürfen. Die erschreckende Souveränität, mit der sie den Leser in das Nebelreich ihrer Unkenntnis entführt, resultiert im offenkundigen Drang, ihm trotz allem die Welt erklären zu wollen: „In einer Demokratie geht alle Staatsgewalt vom Volk aus“, „für die Wahl der Volksvertreter gibt es klare Kriterien“ und „[e]rst durch das Web 2.0 kann sich der Bürger selbst am politischen Diskurs beteiligen.“ Als sei der Bundespräsident kein Bürger. Als seien der bayerische Staatsminister für Landwirtschaft, der Bürgermeister von Gräfenroda und das Mitglied der Bürgerinitiative „Umgehungsstraße für Petershausen“ keine Bürger, sondern viel mehr Petra F. ein Untertan und die aufgezählten Personen Teil einer der Gesellschaft entrückten politischen Kaste, an deren Existenz die bundesdeutsche Journaille seit jeher glaubt, wie kleine Jungen an das Monster unter ihrem Bett. Natürlich muss eine Person, die mit einem derartigen Obrigkeitsdenken gesegnet ist, beinahe zwangsläufig auf die Idee kommen, die Beteiligung des Urnenpöbels am politischen Diskurs gefährde „die Demokratie“. Einzig vor diesem Hintergrund spricht Petra F. vom „naiven Glauben an das basisdemokratische Potenzial des Web“. Die Absurdität dieser Aussage scheint sie dabei wohl deshalb nicht weiter zu kümmern, weil ein völlig anderes Problem ihre gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt: Wie funktioniert eigentlich „das Internet“? Erneut ist Petra F. sich nicht zu schade, dem Leser als Selbstverständlichkeit zu verkaufen, was sie selbst nicht im Entferntesten verstanden hat: „Wenn ein Nutzer die Seite anklickt, fängt er sich damit ein sogenanntes ,Cookie’ ein, das auch über das sonstige Surfverhalten Auskunft gibt.“ Bereits ein kurzer Blick auf Wikipedia entlarvt die geballte Inkompetenz, die in diesem Satz steckt.
Schlussendlich möchte ich aber keine Sekunde länger auf Petra F. herumtrampeln, als nötig wäre, um meinen Standpunkt zu verdeutlichen. Denn wenn das World Wide Web tatsächlich derart niveaulos und verkommen ist, wie uns die Printmedien hier und da glauben machen, dann muss man sich fragen, warum es das deutsche Zeitschriften- und Zeitungswesen dennoch in eine so tiefe Krise stürzen konnte. Und es steht die Frage im Raum, wieso eine vermeintlich erfahrene Redaktion eine junge Journalistin wie Petra F. über ein derart kompliziertes Thema schreiben ließ, über „[p]olitische Kommunikation“, über „unser Vertrauen in die Demokratie“ und über ein „Kollektiv von Amateuren, das [im Internet] mit gefährlichem Halbwissen die öffentliche Meinung beeinflusst“. Wer war sich da zu fein, ihr unter die Arme zu greifen? Oder wer wusste es gar selbst nicht besser? Ein Kollektiv von vermeintlichen Professionellen etwa, das mit gefährlichem Halbwissen die öffentliche Meinung…
…okay okay, die Pointe spar’ ich mir für schlechte Zeiten.
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Nun möchte ich mich keinesfalls erdreisten, an dieser Stelle ohne das nötige Fach- oder gar Hintergrundwissen über die aktuelle Krise des Finanzmarkts zu schreiben. Unter anderem die „Bild“-Zeitung hat hinlänglich bewiesen, wie albern das wirkt. Wert lege ich jedoch auf die nicht im Mindesten geistreiche (aber zutreffende) Feststellung, dass die meisten der abgeschmackten Dutzendblödmänner, die uns von der Politik derzeit als „Retter“ verkauft werden, durch ihren neoliberalen Gesinnungsscheiß und die damit einhergehenden Reformen eine Krise derartigen Ausmaßes überhaupt erst möglich gemacht haben. Wo kollektive Selbstkritik angebracht wäre, erleben wir einmal mehr die immer gleiche Profilierungssucht der immer gleichen Polit-Schnösel. Neben Kanzlerin und Finanzminister kann derzeit auch die FDP mit ratlosen Phrasen und Schuldzuweisungen kaum an sich halten, allen voran die Fraktionsspitze, trotz „Bankenkrise“ scheinbar nach wie vor besetzt mit Hofnarren der Finanzindustrie in Festanstellung. O-Ton Westerwelle:
Wir wissen nicht, was die Bundesregierung weiß oder zu welchem Zeitpunkt Sie [gemeint ist Angela Merkel] über das Ausmaß der Affäre Bescheid wussten. Wir wissen aber, dass Sie Ihrer Verantwortung als Bankenaufsicht endlich besser gerecht werden müssen. Das ist keine wohlfeile Kritik im Nachhinein, sondern diesen Systemfehler haben wir von Anfang an, schon seit Jahren in diesem Hause immer und immer wieder angemahnt.
Na schau, die Finanzexperten von der FDP haben es natürlich schon vorher gewusst. Wie zum Beispiel im „Deutschlandprogramm“ zur Bundestagswahl 2005, wo es pauschal heißt: „Ferner muß der politische Einfluß im Bankensektor reduziert werden. Das vergrößert die Chancen des Bankenstandortes Deutschland.“¹ Die Chancen auf einen Zusammenbruch der Märkte allemal, so bitter das auch sein mag. Lustig wird’s hingegen, wenn ein sog. FDP-Spitzenpolitiker zur Abwechslung mal Stellung nehmen muss zu dem Mist, den seine Partei da jahrelang verzapft hat. Etwa Jürgen Koppelin, Haushaltsexperte der Bundestagsfraktion, im Interview mit dem Potsdamer Radiosender „Radio Eins“ (hier als mp3):
Moderator: Die FDP hat jahrelang immer wieder argumentiert, man solle dem Markt vertrauen und sich nicht einmischen. Jetzt haben wir gesehen, was dabei herauskommt. Ist die FDP, sind Sie jetzt schlauer?
Koppelin: Der Markt ist in Ordnung, das ist, liegt ja teilweise … überwiegend auch an den Managern. Das hat daran gelegen, das muss man ja auch offen sagen, dass die Krise ja in den USA begonnen hat. Wir wollen ja mal die Urheber nennen. Das ist in den USA gewesen, das große Problem, damals mit den Niedrigzinsen. Dann hat man unglaublich vielen Menschen billige Hypotheken angedreht, die sie anschließend nicht bezahlen konnten, und unsere Banken, unsere Manager der Banken, sind auf diese Geschichte, diese Geschäfte reingefallen.
Moderator: Das ist doch der Markt.
Koppelin: Das ist nicht der Markt, das ist das Verhalten der Manager. Wenn ich Treu und Glauben mache, oder wenn ich, wie ich fordere, sage, oder warum müssen unsere Bankmanager, das hat sich in den letzten Jahren so eingebürgert, müssen zum Jahresende noch Boni kriegen, nach Umsatz, und die haben sich die Taschen gefüllt, nachdem sie vorher schon die dicken Gehälter bekamen. Das ist nicht Markt, das ist ein Fehlverhalten bei den Banken, das ist ein Fehlverhalten auch bei den Aufsichtsgremien von Banken …
Moderator: Aber …
Koppelin: … und da muss mal Einhalt geboten werden.
Moderator: Der Markt hat doch mit seinen Regeln aber möglich gemacht, dass solche Menschen führende Positionen in diesem Business haben.
Koppelin: Nein, nicht da … das müssen Sie … Der Markt, der Markt selber ist ok. Es ist nur, wer kommt hin, wer kriegt Managerfunktionen, und da habe ich den Eindruck, manchen fehlt’s da wirklich, ja, nicht nur an der guten Ausbildung, sondern, sie waren nur noch auf Schnäppchenjagd. Das hat mit Markt nichts zu tun.²
¹ Zitiert wurden diese beiden Sätze unter anderem auch in der „Financial Times Deutschland“, allerdings unter Verweis auf ein Grundsatzprogramm der FDP aus dem Jahr 1997. Diese Quellenangabe scheint falsch zu sein. Definitiv zu finden ist das Zitat, wie oben erwähnt, im „Deutschlandprogramm“ zur Bundestagswahl 2005.
² Via Alarmschrei. Update 2010-09-16: Einem nicht mehr existenten Blog.
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In der Regel verachtenswert, bestenfalls „brutal unnötig“ (Jürgen Klinsmann), was uns die Internetableger sog. etablierter Medien auf ihren Websiten als Journalismus verkaufen wollen: Unique visitors, page impressions und was noch alles bestimmen das Tagesgeschäft, reißerische Überschriften sind geradezu obligat, die dazugehörigen Texte meist „saudumm“ (Günther Beckstein). Nun mag diese Feststellung kaum origineller sein als die Vermutung, der hiesige Journalismus sei, verallgemeinert, nicht etwa nur gewollt unkritisch und obrigkeitshörig, sondern beschränke sich eben auch aus Denkfaulheit, wo nicht -unfähigkeit, immer häufiger auf das stocknaive Nachplappern von Agenturmeldungen und PR-Quatsch. Aber weil’s halt nicht einfach nur gelesen sondern hernach auch noch geglaubt wird, bleiben große Teile des journalistischen Establishments trotz zunehmender geistiger Verwahrlosung relevant wie eh und je. Die Dummheit müsse ausgerottet werden, befand Bertolt Brecht in den „Geschichten vom Herrn Keuner“, „weil sie die dumm macht, die ihr begegnen“.
Als triviales und deshalb anschauliches Fallbeispiel darf uns die Nachbetrachtung des vor längerer Zeit erschienenen „Bild am Sonntag“-Interviews mit Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt gelten. Folgende Äußerung gab ausreichend Anlass zu umfangreicher Berichterstattung: „Aber wir sehen jetzt in Amerika, wie ein junger Mann, Barack Obama, allein mit Charisma zu einer nationalen Figur wird. Dabei darf man nicht vergessen, dass Charisma für sich genommen noch keinen guten Politiker ausmacht. Auch Adolf Nazi (sic!) war ein charismatischer Redner. Oskar Lafontaine ist es auch.“ Wie üblich auf Krawall gebürstet, hustete Schmidt dem „BamS“-Reporter also verwirrte Provokationen ins Diktiergerät, die von verschiedenen Journalisten mit wenn überhaupt handwerklichem Geschick zu folgenden Überschriften zurechtgebogen wurden: „Scharfe Kritik: Schmidt vergleicht Lafontaine mit Hitler und Le Pen“ (welt.de), „Altkanzler Schmidt vergleicht Lafontaine mit Hitler“ (tagesschau.de), „Helmut Schmidt vergleicht Lafontaine mit Hitler“ (tagesspiegel.de), nochmal „Schmidt vergleicht Lafontaine mit Hitler und Le Pen“ (spiegel.de), etc. pp. Dass vom bürgerlichen Gratisgeschimpfe gegen politische Abweichler überhaupt noch Notiz genommen wird – na gut, geschenkt. Wieso aber mutmaßlich studierte Schreiberlinge nicht zu wenigstens einem winzigen bisschen Textinterpretation in der Lage sind, möchte ich dann bitteschön doch erklärt haben. Andernfalls hätten sie Schmidts Worten nämlich durchaus Dinge entnehmen können, auf die sie vorher nicht in diesbezüglich erschienenen Agenturmeldungen hingewiesen wurden. Dinge, die Schmidt zwar vermutlich gar nicht so meinte, die er aber – und da kann ich halt auch nichts für – genau so gesagt hat. Und die sich übrigens auch prima zur Produktion von page impressions-fördernden Überschriften eignen: „Schmidt vergleicht Obama mit Hitler“, wäre zum Beispiel eine. Eine andere lautet – hört hört: „Mit Charisma zur nationalen Figur: Schmidt vergleicht Lafontaine mit Oba…“
…Nein?
Doch.
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„CDU überholt SPD als mitgliederstärkste Partei“ (Spiegel Online), „CDU überholt SPD bei Mitgliedern“ (Focus Online), „CDU überholt SPD erstmals bei Mitgliedern“ (sueddeutsche.de), „CDU überholt SPD erstmals bei Mitgliederzahl“ (Welt Online), „CDU zieht an SPD vorbei“ (Financial Times Deutschland). Das Presseecho ist gewohnt eintönig, gleichsam unangebracht die geisttötende Schönfärberei. Tatsache ist nämlich, dass die Mitgliederzahl sowohl der SPD als auch der CDU seit Jahren durchgehend fällt und ein Ende dieser Entwicklung nicht abzusehen ist. Die CDU „überholt“ also die SPD, indem sie sich weniger langsam in die falsche Richtung bewegt.

Herzlichen Glückwunsch, liebe CDU, zu diesem großartigen Erfolg.
Dem kritischen Beobachter wird jedoch auffallen, dass die oben zitierten Überschriften den Sachverhalt allesamt auf die gleiche Weise völlig verdreht darstellen. Unter „überholen“ versteht man gemeinhin, „mit größerer Geschwindigkeit an jemandem oder etwas [vorbeizuziehen], das sich in die gleiche Richtung bewegt“ (Wiktionary). Betrachtet man das obige Diagramm unter diesem Gesichtspunkt, stellt man fest, dass viel mehr die SPD die CDU überholt hat und nicht umgekehrt – wenn auch auf dem Weg in Richtung Abgrund. Dort aber warten bereits die führenden Vertreter der deutschen Medienlandschaft, Vorhut des Versagertums und Totengräber der Solidarität.
Bzgl. d. Diagramms vgl. http://www.polwiss.fu-berlin.de/people/
niedermayer/docs/AHOSZ13.pdf.
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