Hausarbeit: John Maynard Keynes und die Weltwirtschaftskrise

— 1. Juni 2010

Der Tag ist nicht weit, an dem das ökonomische Problem in die hinteren Ränge verbannt werden wird, dort, wohin es gehört. Dann werden Herz und Kopf sich wieder mit unseren wirklichen Problemen befassen können – den Fragen nach dem Leben und den menschlichen Beziehungen, nach der Schöpfung, nach unserem Verhalten und nach der Religion.

- John Maynard Keynes

Noch lässt der Weltgeist mit der Einlösung dieses nachgerade vulgärmarxistischen Heilsversprechens auf sich warten. Wir müssen uns deshalb mit einer von mir verfassten Seminararbeit vertrösten, die den Titel “John Maynard Keynes und die Weltwirtschaftskrise” trägt.

Ich finde sie halbwegs lesbar.

Zur Hausarbeit: John Maynard Keynes und die Weltwirtschaftskrise (PDF)

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Betrunkene Vorväter

— 6. Januar 2010

Fragt man nach dem historischen Ursprung des deutschen Selbstverständnisses, nach dem „stinkenden Kadaver ‚Deutschland‘ und jenen ‚Deutschen‘, die ihn ausbuddeln und wiederbeleben wollen“ (Hermann L. Gremliza)1, so stößt man über verschiedene Umwege sehr bald auf die ethnographische Schrift Germania des römischen Autors Tacitus. Obwohl er wahrscheinlich nie einen Fuß über die Alpen gesetzt hat, beschreibt Tacitus in diesem auf den Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. datierten Werk die Völker Germaniens, die Germanen.

Es gibt drei Theorien darüber, welche Absichten er damit verfolgt haben könnte. Vielleicht wollte er (1.) erklären, weshalb es Rom trotz jahrzehntelanger Bemühungen nicht gelungen war, Germanien zu unterwerfen. Schließlich besteht die Germania zu einem Gutteil aus der Schilderung der germanischen Kriegstüchtigkeit. In der Forschung populärer scheint die These, dass (2.) die Germania als Sittenspiegel konzipiert wurde. Tacitus könnte demnach versucht haben, seinen römischen Lesern ihre eigene Dekadenz vor Augen zu führen, indem er das Idealbild eines von der Zivilisation unverdorbenen Naturvolks zeichnete. Als ebenfalls möglich erachten manche, dass (3.) es sich bei der Germania um eine primär aus Erkenntnisinteresse geschriebene und deshalb zumindest im Kern wirklichkeitsnahe Ethnographie handelt. So wirklich sicher ist man sich in dieser Frage heute nicht mehr. Mitte des 15. Jahrhunderts, als italienische Humanisten die Germania in einem nordhessischen Kloster wiederentdeckten, aber auch im Laufe der Neuzeit bis in das 20. Jahrhundert hinein, war das noch anders. Die Frage nach der Intention des Autors wurde selten gestellt; landläufig nahm man den Text „schlichtweg für bare Münze: So waren sie, unsere Vorfahren, und so sollten die Deutschen bleiben, wenn sie Bestand haben wollten in der Welt“ (Herfried Münkler).2 Die dabei stillschweigend vorausgesetzte, aber im Lichte der genaueren Betrachtung hoffnungslos naiv erscheinende Auffassung, dass die Deutschen Nachfahren der Germanen seien oder gar die Germanen Deutsche und die Deutschen Germanen, ist bis heute weit verbreitet.

Der von Tacitus aufgestellte Tugendkatalog fand ausgehend von der humanistischen Germania-Rezeption in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts schnell Eingang in das historisch-politische Bewusstsein. Die Männer beschreibt er als tapfer und stolz, freiheitsliebend und unbeugsam; dazu die Sittsamkeit der Frauen. Das hervorstechendste Merkmal der Tacitus-Germanen aber ist ihre Kriegstüchtigkeit. Sippen und Familien bilden im Kampf einzelne Schlachtkeile, das Heerwesen fußt auf Loyalitätsbeziehungen zwischen einzelnen Anführern und dessen Gefolgsleuten.

„Kommt es zur Schlacht, ist es schimpflich für den Gefolgsherrn, an Tapferkeit zurückzustehen, schimpflich für das Gefolge, es dem Herrn an Tapferkeit nicht gleichzutun. Doch für das ganze Leben lädt Schmach und Schande auf sich, wer seinen Herrn überlebend aus der Schlacht zurückkehrt. [..] Die Herren kämpfen für den Sieg, die Gefolgsleute für den Herrn“ (S. 12).3

Niemals erledigen die Germanen etwas anders als in Waffen, berichtet Tacitus, und „nicht so leicht könnte man einen Germanen dazu bringen, das Feld zu bestellen und die Ernte abzuwarten, als den Feind herauszufordern und sich Wunden zu holen; es gilt sogar für träge und schlaff, sich mit Schweiß zu erarbeiten, was man mit Blut erringen kann“ (S. 12f).

Die ausgefeilte und effektvolle Komposition dieser Zeilen geht selbst durch die Übersetzung aus dem Lateinischen kaum verloren. Die in ihnen konstruierte Gesellschaftsordnung ist attraktiv unkompliziert und naturverbunden, die angepriesenen Tugenden galten lange als zeitlos und unersetzlich. Der Erfolg, den dieser Text hatte, ist mit heutigen publizistischen Maßstäben längst nicht zu messen. „Kein anderes Dokument hat das deutsche Nationalgefühl so stark geprägt wie die Germania“, fasst der Historiker Horst Fuhrmann die Rezeptionsgeschichte des Werks zusammen.4 Wir finden Anspielungen und Hinweise auf die von Tacitus beschriebenen germanischen Eigenheiten in Johann Gottlieb Fichtes „Reden an die Deutsche Nation“, in August Heinrich Hoffmann von Fallerslebens „Lied der Deutschen“ und in unzähligen anderen für den deutschen Nationalismus bedeutenden kulturellen Erzeugnissen. Ihren Höhepunkt aber erreichte die Verherrlichung des Germanentums im Dritten Reich. Und nicht nur weil Tacitus der Auffassung war, dass „sich die Bevölkerung Germaniens niemals durch Heiraten mit Fremdstämmen vermischt hat und so ein reiner, nur sich selbst gleicher Menschenschlag von eigener Art geblieben ist“ (S. 5), spielte er hierbei eine Schlüsselrolle. Der Rassentheorie galt die Germania als unumstößlicher Beweis für die Reinheit des eigenen Blutes und die Wehrmacht appellierte bis zu ihrem endgültigen Zusammenbruch an die germanische Kriegerehre der deutschen Soldaten. So meldete das Oberkommando der Wehrmacht nach dem Selbstmord Adolf Hitlers am 2. Mai 1945:

„An der Spitze der heldenmütigen Verteidiger der Reichshauptstadt ist der Führer gefallen. Von dem Willen beseelt, sein Volk und Europa vor der Vernichtung durch den Bolschewismus zu erretten, hat er sein Leben geopfert. Dieses Vorbild ‚getreu bis zum Tode‘ ist für alle Soldaten verpflichtend.“5

Dazu gewissermaßen passend Tacitus in einem der weniger beachteten Kapitel der Germania: „So groß ist ihr Starrsinn an verkehrter Stelle; sie selbst reden von Treue“ (S. 19).

Den sich auf Tacitus berufenden Konstrukteuren des Germanenmythos lässt sich mit Tacitus antworten, so scheint es mitunter, und die im nationalen Wahn gezeichneten Bilder der vermeintlichen Vorfahren verlieren ihren Glanz, wenn man die Kapitel 22-24 der Germania aufschlägt. Die Germanen, gibt der Autor darin zu Protokoll, seien hemmungslose Säufer. „Tag und Nacht durchzuzechen, ist für niemanden eine Schande“ (S. 18) und allein das Glücksspiel treibt gelegentlich zur Nüchternheit. „Streitigkeiten sind häufig (es handelt sich ja um Betrunkene); sie enden selten mit bloßen Schimpfreden, öfters mit Totschlag und Blutvergießen“ (ebd.).

„Als Getränk dient ein Saft aus Gerste oder Weizen, der durch Gärung eine gewisse Ähnlichkeit mit Wein erhält; die Anwohner von Rhein und Donau kaufen auch Wein. [..] Wollte man ihnen, ihrer Trunksucht nachgebend, verschaffen, soviel sie wollen, so könnte man sie leichter durch ihr Laster als mit Waffen besiegen“ (ebd.).

Was dann doch wieder für eine engere Verwandtschaft spräche.

  1. Gremliza, Hermann L.: Krautland einig Vaterland, Hamburg 1990, S. 23. []
  2. Münkler, Herfried: Die Deutschen und ihre Mythen, Berlin 2009, S. 151. []
  3. Zitiert wird nach folgender Ausgabe: Tacitus: Germania, Stuttgart 1971. Die Seitenzahlen werden in Klammern im Text angegeben. Es handelt sich um eine Übersetzung von Manfred Fuhrmann. []
  4. Zitiert nach: Münkler, Herfried: Die Deutschen und ihre Mythen, Berlin 2009, S. 150. []
  5. Im Internet z. B. hier nachzulesen: http://www.spiegel.de/panorama/zeitgeschichte/0,1518,352382,00.html []

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Das Bild des modernen Staates in Karl Marx‘ „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“

— 4. Juli 2009

„Hegel bemerkt irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Thatsachen sich so zu sagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als große Tragödie, das andere Mal als lumpige Farce.“ Dies sind die einleitenden Worte von Karl Marx‘ „Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, einer hellsichtigen Abhandlung über die französische Februarrevolution von 1848 und die nachfolgende Zeit bis zum erfolgreichen Staatsstreich Louis Napoleons am 2. Dezember 1851. Es gibt viele Gründe diesen Text zu lesen; die eindimensionale und in höchstem Maße irreführende Geschichtsauffassung seines Autors ist keiner davon. Eher schon ist in diesem Werk ein Ursprung der allgemeinen Revolutionstheorie zu suchen. Karl Marx selbst beteiligte sich an der deutschen Erhebung von 1848, und als er 1852 „Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ schrieb, da tat er das als enttäuschter Revolutionär, dessen wie auch immer geartete Naherwartung der klassenlosen Gesellschaft vorerst gebremst schien. Die grundlegenden Mechanismen der Revolution glaubte er jedoch durchschaut zu haben: „Die Tradition aller todten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüme, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen.“ Luthers Reformationsbewegung suchte die Rückkehr zur Urkirche zu erreichen, der Engländer Cromwell zitierte das Alte Testament und die Französische Revolution von 1789 schwankte stets zwischen römischer Republik und römischem Kaisertum, nur um später selbst Vorbild zu werden für zahlreiche europäische Umstürze. Marx zeigt am Beispiel der Ereignisse von 1848 bis 1851 auch, welch entscheidende Rolle das sich im 19. Jahrhundert in weiten Teilen Europas organisierende Staatswesen einnahm, wie es schon sehr bald nach seinem Entstehen ein Interesse an der eigenen Selbsterhaltung entwickelte und dem Volk sein Machtgebot aufzuerlegen vermochte – gerade in Zeiten gesellschaftlicher Unruhen. In einem für ein Proseminar verfassten kurzen Essay, das dieser Einleitung nachfolgt, habe ich anhand einer streng werkimmanent gehaltenen Argumentation versucht, Marx’ Analyse des Staates in „Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ zusammenfassend nachzuzeichnen. Zitiert wird nach folgender Ausgabe: Marx, Karl: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in: MEW, Bd. 8, Berlin/DDR 1960, S. 111-207. Die Seitenzahlen werden in Klammern im Text angegeben.

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Die Revolution, für Karl Marx nicht weniger als die praktische Umsetzung historischer Notwendigkeit, war die „Lokomotive der gesellschaftlichen Entwicklung“1 auf dem eingleisigen Schienensystem seiner teleologischen Geschichtsauffassung. Wie die Bourgeoisie 1789 den feudalabsolutistischen Ständestaat Frankreichs, wie die Bourgeoisie 1830 die Restauration, so würde das Proletariat einst seinerseits die Bourgeoisie beseitigen, sich seiner Ketten entledigen und den Kommunismus als die endgültige Verfasstheit der Gesellschaft etablieren. Als dann im Februar 1848 die Pariser Stadtbevölkerung abermals Barrikaden errichtete und zum Widerstand gegen die bestehende Ordnung aufrief, schien eine Beseitigung der kapitalistischen Institutionen im Sinne einer Arbeiterrevolution in greifbare Nähe gerückt. Doch die Revolution von 1848 schuf nicht die klassenlose Gesellschaft, sondern endete, wie schon ihr Vorbild aus dem Jahre 1789, mit der Herrschaft eines Sprösslings der korsischen Patrizierfamilie Bonaparte. In „Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ versucht Karl Marx zu erklären, warum die Revolution letztlich scheiterte und in ihr Gegenteil umschlug; also „wie eine Nation von 36 Millionen durch drei Industrieritter überrascht und widerstandslos in die Gefangenschaft abgeführt werden“ (S.120) konnte. Das multikausale Erklärungsmodell für den Ablauf der Ereignisse zwischen dem 24. Februar 1848 und dem 2. Dezember 1951, das Marx in der erstmals im Jahre 1852 veröffentlichten Schrift entwickelt, enthält viel politische Polemik, abseits dessen aber auch die Weiterentwicklung von Marx‘ theoretischen Konzepten, so zum Beispiel des Klassenbegriffs und seiner staatstheoretischen Überlegungen; letzteres in Form einer Analyse der sich verselbständigenden Staatsmacht, die im Juni 1848 erstmals ihre ungeheure Überlegenheit demonstrierte.

Der Juniaufstand des Pariser Proletariats gegen die Schließung der französischen Nationalwerkstätten, den Karl Marx für das „kolossalst[e] Ereignis in der Geschichte der europäischen Bürgerkriege“ (S. 121) hielt, während sein Zeitgenosse Alexis de Tocqueville gar vom „größten [Aufstand] unserer und vielleicht auch der Weltgeschichte“2 sprach, wurde von Nationalgarde und Armee innerhalb von nur drei Tagen „niederkartätscht“ (S. 125). In der Logik des Klassengegensatzes war es eine Niederlage des Proletariats gegen die Bourgeoisie – unterstützt durch die ungeahnte militärische Überlegenheit des modernen Staates. Zwar agierte die Staatsmacht hier noch als politische Gewalt der herrschenden Klasse zur Unterdrückung der untertänigen, doch hatte sie sich seit Napoleon in einer mannigfaltigen Weise weiterentwickelt, so dass sie längst selbstbewusst „nach Eigenmacht strebte“ (S. 197). Louis Bonaparte befand sich nach seiner Wahl zum Präsidenten am 10. Dezember 1848 und schließlich seinem Staatsstreich am 2. Dezember 1851 also im Besitz „einer ganz anderen Exekutivgewalt [..] als Cromwell oder Napoleon“ (S. 192), denn auch wenn es so schien, als sei der Staat „zu seiner ältesten Form zurückgekehrt, zur unverschämt einfachen Herrschaft von Säbel und Kutte“ (S. 118), so hatte er seit der Abschaffung des Absolutismus eine gewaltige Entwicklung genommen: Vormals herrschaftliche Privilegien wurden in seinen Händen gebündelt, feudale Würdenträger zu Beamten gemacht und mittelalterliche Machtstrukturen aufgelöst. Die Revolution von 1789 schuf schließlich die Grande Nation und zentralisierte die Regierungsgewalt. „Napoleon vollendete diese Staatsmaschinerie“ (S.197) und auch alle weiteren Umwälzungen „vervollkommneten die Maschine statt sie zu brechen“ (ebd.). Nur allzu oft handelte es sich in dieser Zeit um „Sein oder Nichtsein der bestehenden Staatsform“ (S. 184), nie aber ernsthaft um Sein oder Nichtsein des Staates an sich, mitsamt seiner „ungeheuren bürokratischen und militärischen Organisation, [..] ein[em] Beamtenheer von einer halben Million neben einer Armee von einer andern halben Million“ (S. 196). Doch war eben diese Maschine zunächst „nur das Mittel, die Klassenherrschaft der Bourgeoisie vorzubereiten“ und später – auch noch im Juni 1848 – nicht mehr als „das Instrument der herrschenden Klasse“, so schien sie sich unter Louis Bonaparte „völlig verselbständigt zu haben“ (S. 197). In dem Moment, als Louis Bonaparte ihr den „Heiligenschein abstreift, sie profaniert, sie zugleich ekelhaft und lächerlich macht“ (S. 207), offenbarte sie sich als ein geschlossenes Sozialsystem, das sich weitgehend selbst organisierte und der Gesellschaft das Machtgebot seiner „allgewaltigen und zahllosen Bureaukratie“ (S. 202) auferlegte, sich also „die Gesellschaft unterordnet“ (S. 199). Eine wichtige Rolle spielte hierbei die Armee als die letztlich ausführende Instanz, als die „entscheidende Staatsgewalt“ (S. 190) in Zeiten politischer Unruhen. Sie erwies sich nicht nur als käuflich „durch Schnaps und Würste“ (S. 197), sondern auch sie selbst hatte in der Vergangenheit die Unterstützung der Landbevölkerung erkauft, indem sie den gerade erst neu gewonnenen Besitz der Parzellenbauern verteidigte und durch ihre Erfolge im Ausland das nationale Bewusstsein stärkte. Die in Krisenzeiten auftretende Ordnungsmacht entwickelte sich zur „trunkenen Soldateska“ (S. 197), die früher oder später auf die Idee kommen musste, anstatt regelmäßig den schlechtbezahlten Gendarmeriedienst zu verrichten, „lieber ein für allemal die Gesellschaft zu retten, indem sie ihr eigenes Regime als das oberste ausrief und die bürgerliche Gesellschaft ganz von der Sorge befreite, sich selbst zu regieren“ (S. 130) – zumal sie bei dauerhafter Beschäftigung auch eine bessere Bezahlung erwarten konnte.

Finanzielle Grundlage des Staates aber, „Lebensquelle der Bürokratie, der Armee, der Pfaffen und des Hofes, kurz, des ganzen Apparats der Exekutivgewalt“ (S. 202), war die Steuer. Die Landreform der Großen Revolution schuf ein gleichmäßig verteiltes Parzelleneigentum, das aufgrund der gesellschaftlichen Umwälzungen direkt durch den Staat besteuert werden konnte, ohne den Umweg über Feudal- und Grundherren. Der autoritäre Staat war auf diese Geldquelle angewiesen, um seinen Verwaltungs- und Machtapparat finanzieren zu können. Die Parzellenbauern, durch ihre Produktionsweise voneinander isoliert, waren ihrerseits unfähig, ein eigenes Klasseninteresse zu formulieren und zu vertreten. Sie bedurften daher eines außenstehenden Vertreters, der „zugleich als ihr Herr, als eine Autorität über ihnen erscheinen [musste], als eine unumschränkte Regierungsgewalt, die sie vor den andern Klassen beschützt und ihnen von oben Regen und Sonnenschein schickt“ (S. 198f.). Es bestand deshalb eine gegenseitige Abhängigkeit, die mit dem Aufstieg Louis Bonapartes nur noch verfestigt wurde. Vorwiegend die Landbevölkerung war es, die ihn am 10. Dezember 1848 mit einer großen Mehrheit zum Präsidenten wählte. Als Neffe Napoleons stand er für die Landreform, der die Bauern ihren gesamten Besitz verdankten und deren Ergebnis unter Napoleons Herrschaft konsolidiert wurde; schlechterdings galt Louis Bonaparte ihnen als die Reinkarnation seines Onkels, als ein Mann, der Herrlichkeit vergangener Tage wiederherstellen würde. Mit diesem „Wunderglauben“ (S. 199) gesegnet, verband sie ihr eigenes Schicksal mit dem des Prätendenten auf die Kaiserwürde. Sein Plan, in die Fußstapfen Napoleons zu treten, seine „fixe Idee [..] verwirklicht sich, weil sie mit der fixen Idee der zahlreichsten Klasse der Franzosen zusammenfiel“ (ebd.). Die Revolution von 1848 erlag mithin der Konterrevolution und aus den unruhigen Zeiten seit dem Sturz der Julimonarchie ging am 2. Dezember 1851 Louis Bonaparte endgültig als Sieger hervor, als er die gesamte politische Macht im französischen Staat auf seine Person vereinigte. Das Proletariat war geschlagen, die Landbevölkerung stand auf seiner Seite und die Bourgeoisie als herrschende Klasse versuchte mitnichten, ihre mit der Auflösung des Parlaments verlorene Macht zurückzuerobern. Sie hatte eingesehen, dass „um ihre gesellschaftliche Macht unversehrt zu erhalten, ihre politische Macht gebrochen werden müsse“ (S. 154). Dem Klassenkampf zog sie vor, „daß ihre Klasse neben den andern Klassen zu gleicher politischer Nichtigkeit verdammt“ (ebd.) wurde. Die Bourgeoisie bewies, „daß der Kampf um die Behauptung ihres öffentlichen Interesses, ihres eignen Klasseninteresses, ihrer politischen Macht, sie als Störung des Privatgeschäfts nur belästige und verstimme“ (S. 183, Hervorhebungen im Original). Hatte sich der Staat auch vom Instrument der herrschenden Klasse zur verselbständigten Maschine gewandelt, die bürgerliche Parole „Liberté, égalité, fraternité!“ ersetzt durch „die unzweideutigen Worte: Infantrie, Kavallerie, Artillerie!“ (S. 148), so war diese Entwicklung von Anfang an ein Ausdruck des politischen Interesses der Bourgeoisie, das sie zwang, „die Repression, also die Mittel und das Personal der Staatsgewalt, täglich zu vermehren, während sie gleichzeitig einen ununterbrochenen Krieg gegen die öffentliche Meinung führen und die selbständigen Bewegungsorgane der Gesellschaft mißtrauisch verstümmeln, lähmen mußte, wo es ihr nicht gelang, sie gänzlich zu amputieren“ (S. 151), bis der Staat schließlich zu seiner Übermacht gelangt war. Und mochte sie auch ihre politische Macht verloren haben, so blieb ihr materielles Interesse „auf das innigste mit der Erhaltung jener breiten und vielverzweigten Staatsmaschine verwebt“ (ebd.). Der autoritäre Staat des Louis Bonaparte verband politische Fremdbestimmung, die „Despotie eines Individuums“ (S. 196), mit individueller Selbstbestimmung. Er sorgte für stabile politische Verhältnisse und gestattete den Mitgliedern der Bourgeoisie, ungestört ihren Privatinteressen nachzugehen.

Marx spricht vom „Gegensatz der Staatsgewalt zur Gesellschaft“ (S. 203), der sich in diesen neuen Verhältnissen manifestiert. Finanziell stützte sich der französische Staat auf die Steuer, als Massenbasis hatte er die Parzellenbauern und das Lumpenproletariat, als Machtgrundlage die Armee. Er entstand auf den Trümmern der alteuropäischen Insititutionen, die der Revolution von 1789 zum Opfer gefallen waren, und wuchs mit seinen Aufgaben, die einerseits vor allem militärischer Natur waren, andererseits darin bestanden, die Errungenschaften des Bürgertums gleichermaßen vor Reaktion und sozialistischer Revolution zu schützen. Schließlich aber wurde seine Existenz zum Selbstzweck. Mit dem Staatsstreich einer in den Augen ihrer Zeitgenossen derart mediokren Persönlichkeit wie Louis Bonaparte war diese Entwicklung für Marx zu ihrem Abschluss gekommen. Soweit auch die zentrale Beobachtung seiner staatstheoretischen Überlegungen in „Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“: „Die Staatsmaschinerie hat sich der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber so befestigt, daß an der Spitze der Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember genügt“ (S. 197), eine „klägliche Gestalt“ (S. 148) mit ihrer „pfiffigen Dummheit“ (S. 136), ein „herbeigelaufene[r] Glücksritter“ (S. 197) und krimineller „Flibustier“ (S. 136), ein „Hanswurst“ (S. 161) und „Held Krapülinski“ (S. 123).

  1. Marx, Karl: Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848-1850, in: MEW, Bd. 7, Berlin/DDR 1960, S. 9-107, hier S. 85. []
  2. Zitiert nach: Brunkhorst, Hauke: Karl Marx. Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, Frankfurt am Main 2006, S. 248. []

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Buchtipp: Georg Klauda, Die Vertreibung aus dem Serail

— 21. Mai 2009

Die nun folgende kurze Geschichte der staatlichen Verfolgung von Homosexuellen in der Bundesrepublik Deutschland beschränkt sich, wie das dritte Kapitel des Buches Genesis in der Bibel, auf die Schilderung der Ursünde und ihrer unmittelbaren Folgen. Die Ursünde, das ist in diesem Fall die unveränderte Übernahme des berüchtigten Paragraphen 175 des Reichsstrafegesetzbuches – rechtliche Grundlage der Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich – in das Strafrecht der Bonner Republik. Bei Androhung von bis zu zehn Jahren Zuchthaus standen „unzüchtige“ Handlungen zwischen Männern deshalb weiterhin unter Strafe; in der Folge führte die junge Bundesrepublik in den frühen Jahrzehnten ihrer Existenz einen unbarmherzigen Kampf und verhängte bis 1969 etwa 50.000 Urteile. Mehr noch: Homosexuellen, die in nationalsozialistische Konzentrationslager verschleppt worden waren („Rosa Winkel“), wurden die ihnen zustehenden Entschädigungszahlungen systematisch verweigert, während sie ständig in Angst einer erneuten Inhaftierung leben mussten. Erst 1969 wurde die staatliche Verfolgung homosexueller Männer eingeschränkt, wenngleich der Paragraph 175 in einer entschärften Fassung erhalten blieb. Dabei soll nicht der Eindruck entstehen, die antihomosexuelle Politik der Bundesrepublik Deutschland hätte dem okzidentalen Zeitgeist widersprochen: Auch die Europäische Menschenrechtskommission hielt bis in die 1980er Jahre hinein an der Auffassung fest, Gesetze gegen Homosexualität seien zum Schutze der Gesundheit und Moral in einer demokratischen Gesellschaft legitim. Die in Genf beheimatete Weltgesundheitsorganisation strich die Homosexualität gar erst 1992 aus der von ihr herausgegebenen „Internationalen Klassifikation der Krankheiten“.

Nun scheint es schwer vorstellbar, dass das, was vor 17 Jahren den Status einer Krankheit besaß, heute als gleichgestellter „Lebensentwurf“ Gültigkeit besitzen könnte – auch wenn diese Ansicht durchaus verbreitet sein mag. Man musste sich deshalb nicht wundern, als das Bundesland Baden-Württemberg zum 1. Januar 2006 sein Konzept für einen Fragebogen vorlegte, der mit dreißig Fragen die Weltanschauung einbürgerungswilliger Muslime auf ihre Verfassungsmäßigkeit hin überprüfen sollte. „Wie stehen Sie zu der Aussage, dass die Frau ihrem Ehemann gehorchen soll und dass dieser sie schlagen darf, wenn sie ihm nicht gehorsam ist?“, wurde zum Beispiel gefragt. Oder: „Ihre Tochter bewirbt sich um eine Stelle in Deutschland. Sie bekommt jedoch ein ablehnendes Schreiben. Später erfahren Sie, dass eine Schwarzafrikanerin aus Somalia die Stelle bekommen hat. Wie verhalten Sie sich?“ Dabei war der sog. „Muslim-Fragebogen“ witzigerweise so konzipiert, dass ihn nicht bestanden hätte, wer den offenkundigen Rassismus seiner Erfinder teilte. (Denn wie sonst sollte man eine Beschränkung der Verpflichtung zur Teilnahme auf Muslime nennen, wenn nicht rassistisch?) Diese Spitzenpointe zog seinerzeit beinahe die gesamte Aufmerksamkeit auf sich, weshalb einige interessante Aspekte weitgehend undiskutiert blieben: Die idealisierte Darstellung der hiesigen Lebensverhältnisse, die damit verbundene stocknaive Universalisierung westlicher Denkmuster und die gleichzeitige Stigmatisierung des Islam als das barbarische Vormoderne galt und gilt es (nicht nur in diesem Zusammenhang) zu kritisieren.

So dürfte folgendes im Fragebogen geschildertes Szenario nicht nur für einen „konservativen anatolischen Patriarchen“ (taz) den Weltuntergang bedeuten: „Stellen Sie sich vor, Ihr volljähriger Sohn kommt zu Ihnen und erklärt, er sei homosexuell und möchte gerne mit einem anderen Mann zusammen leben. Wie reagieren Sie?“ Denn freilich auch der deutsche Provinzkasper und seine urbane Entsprechung würden dem Wunsch ihres Sprösslings wenig Toleranz entgegen bringen. Genau genommen, würde das hierzulande kaum jemand: In einer im Jahr 2001 von TNS Emnid durchgeführten repräsentativen Umfrage gaben 80 Prozent der befragten deutschen Männer an, dass sie auf ein eigenes lesbisches oder schwules Kind eher oder sogar sehr negativ reagieren würden. Und obwohl diese Zahl entlarvend hoch sein mag, ist die Ausgangsthese des „Muslim-Fragebogens“ heute nicht unüblich: Muslime stehen unter dem Generalverdacht der Homophobie, während man sich selbst für uneingeschränkt tolerant hält. So lange die Schwulen einen nicht „anmachen“, versteht sich. Die vordergründig liberale Haltung zum Thema Homosexualität wird in der Regel aufgegeben, sobald man selbst davon „betroffen“ ist. Sei es ein schwuler Sohn oder seien es die Flirtversuche homosexueller Männer, welche die eigene heterosexuelle Identität vermeintlich untergraben. Einen makabren Gradmesser dafür, als wie „schwulenfreundlich“ („Der Spiegel“ et al.) eine von derartigen Denkmustern geprägte Gesellschaft gelten darf, liefert eine „Studie zur psychosozialen Lage junger Lesben, Schwuler und Bisexueller in Berlin“, die von der dortigen Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport herausgegeben wurde. Ihrzufolge hegten 60% der lesbisch-schwulen Teenager in der deutschen Hauptstadt in ihrem Leben zumindest einmal Suizidgedanken, während erschreckende 18% bereits einen Suizidversuch unternommen haben. Und wir sollten nicht vergessen: Diese Statistik umfasst lediglich diejenigen, die den Mut aufbringen, sich zu ihrer Homosexualität zu bekennen.

Das Problem des Homosexuellen, argumentierte bereits der blitzgescheite Heinrich Heine in einer 1830 veröffentlichten Polemik gegen den Poeten August Graf von Platen, sei schlechterdings, „daß er in einer Zeit lebt, wo er seine wahren Gefühle nicht nennen darf, wo dieselbe Sitte, die seiner Liebe immer feindlich entgegensteht, ihm sogar verbietet, seine Klage darüber unverhüllt auszusprechen“. Er erkannte dabei den historischen Charakter dieses Zustands, nicht aber dessen damalige teilweise Beschränkung auf den europäischen Kulturkreis. Beispielsweise ein zwanzig Jahre später von Gustave Flaubert während eines Aufenthalts in Kairo geschriebener Brief gibt Zeugnis, wie man anderswo mit im europäischen Sinne „homosexuellen“ Sexualpraktiken umging: „Hier ist es völlig akzeptiert [..] und man spricht am Tisch davon. Manchmal leugnet man ein kleines bisschen, dann hacken alle auf dir herum und es endet mit einem Geständnis.“

Einen tieferen Einblick in die Materie gewährt Georg Klaudas „Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt“. Das 168-seitige Essay liefert eine interessante Überblicksdarstellung der „Konzepte mann-männlicher Liebe und Lust in christlichen und muslimischen Gesellschaften“ und zeigt „den historischen Anteil des Westens an der Formierung anithomosexueller Diskriminierung in der islamischen Welt“.

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Ein paar Worte zu Peter Moosleitners Magazin

— 15. Januar 2009

Das „P.M.“-Magazin ist eine monatlich erscheinende, populärwissenschaftliche Zeitschrift des Verlagshauses „Gruner + Jahr“, deren Auflage innerhalb der letzten zehn Jahre von 460.664 verkauften Exemplaren im Oktober 1998 auf 359.605 im Oktober 2008 gesunken ist (Quelle: IVW). Wieso das noch immer 359.605 Exemplare zu viel sind, beweist die Redaktion Monat für Monat selbst: Inmitten einer Umschau einfallslosesten Esoterik-Unfugs werden stets auf den Tag genau die Verschwörungstheorien von vorgestern diskutiert oder wahlweise der Leser in einigen wenigen tatsächlich ernst gemeinten Artikeln unermüdlich und in bester Schulmeister-Manier mit tausendmal gehörten Trivialitäten zu Tode gelangweilt. Geradezu vernünftig wirkt in diesem Zusammenhang der Ende der Neunziger gefasste Entschluss, aus dem ursprünglichen Titel „Peter Moosleitners interessantes Magazin“ das wertende Adjektiv ersatzlos zu streichen. So wird der grenzdebil lächelnde Buddha auf dem Titelbild der aktuellen Ausgabe zur Symbolfigur für das souveräne Verschlafen von Trends, für die ewiggestrige Geistlosigkeit, zumal für die latente Verachtung alles Wissenschaftlichen und mithin lautet die Überschrift der Titelgeschichte doch tatsächlich: „Der Buddha in jedem von uns. Wie die Macht des Denkens unser Gehirn verändert.“ Inwieweit derartige Umbauarbeiten im Oberstübchen Auswirkungen auf den geregelten Betriebsablauf haben können, möchte man die Redaktion des „P.M.“-Magazins bei nächster Gelegenheit fragen, einen zerknitterten Zettel aus der Hosentasche ziehen und einige weitere Themen des Januarhefts zum Besten geben, die man sich aufgeschrieben hat, aus Angst davor, ob der Absurdität des Zitierten an der eigenen Erinnerung zweifeln zu müssen: „Wieso mögen Mäuse kein Cola Light?“ oder „‚Ich war ein Paket.‘ – Wie ein P.M.-Reporter sich selbst verschickte“ und: „Müssen Aliens schlafen?“ Beziehungsweise: Müssen sich Menschen so einen Mist gefallen lassen? Nein, das müssen sie nicht. Denn sie können ja etwas anderes, etwas Besseres, Intelligenteres und Interessanteres lesen, wenn ihnen „Peter Moosleitners Magazin“ nicht mehr gefällt. Damit sie aber gar nicht erst auf diese Idee kommen, beschwört die Redaktion auf dem aktuellen Titelblatt vorsorglich noch eine andere Sache, als nur die bereits erwähnte speckköpfige Götzenfigur, etwas Abstrakteres, das sie in bester „Bild“-Zeitungs-Diktion als „Web-Gefahr“ bezeichnet. Auf Deutsch: „Kann das Internet die Demokratie gefährden?“

„Die Risiken sind größer, als wir wahrhaben wollten“, belehrt uns ab Seite 46 die für den dazugehörigen Artikel verantwortlich zeichnende Petra F. und beweist in der Folge, dass man offensichtlich weder die Demokratie noch das Internet sonderlich gut verstanden haben muss, um im „P.M.“-Magazin über die Demokratie und das Internet schreiben zu dürfen. Die erschreckende Souveränität, mit der sie den Leser in das Nebelreich ihrer Unkenntnis entführt, resultiert im offenkundigen Drang, ihm trotz allem die Welt erklären zu wollen: „In einer Demokratie geht alle Staatsgewalt vom Volk aus“, „für die Wahl der Volksvertreter gibt es klare Kriterien“ und „[e]rst durch das Web 2.0 kann sich der Bürger selbst am politischen Diskurs beteiligen.“ Als sei der Bundespräsident kein Bürger. Als seien der bayerische Staatsminister für Landwirtschaft, der Bürgermeister von Gräfenroda und das Mitglied der Bürgerinitiative „Umgehungsstraße für Petershausen“ keine Bürger, sondern viel mehr Petra F. ein Untertan und die aufgezählten Personen Teil einer der Gesellschaft entrückten politischen Kaste, an deren Existenz die bundesdeutsche Journaille seit jeher glaubt, wie kleine Jungen an das Monster unter ihrem Bett. Natürlich muss eine Person, die mit einem derartigen Obrigkeitsdenken gesegnet ist, beinahe zwangsläufig auf die Idee kommen, die Beteiligung des Urnenpöbels am politischen Diskurs gefährde „die Demokratie“. Einzig vor diesem Hintergrund spricht Petra F. vom „naiven Glauben an das basisdemokratische Potenzial des Web“. Die Absurdität dieser Aussage scheint sie dabei wohl deshalb nicht weiter zu kümmern, weil ein völlig anderes Problem ihre gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt: Wie funktioniert eigentlich „das Internet“? Erneut ist Petra F. sich nicht zu schade, dem Leser als Selbstverständlichkeit zu verkaufen, was sie selbst nicht im Entferntesten verstanden hat: „Wenn ein Nutzer die Seite anklickt, fängt er sich damit ein sogenanntes ,Cookie’ ein, das auch über das sonstige Surfverhalten Auskunft gibt.“ Bereits ein kurzer Blick auf Wikipedia entlarvt die geballte Inkompetenz, die in diesem Satz steckt.

Schlussendlich möchte ich aber keine Sekunde länger auf Petra F. herumtrampeln, als nötig wäre, um meinen Standpunkt zu verdeutlichen. Denn wenn das World Wide Web tatsächlich derart niveaulos und verkommen ist, wie uns die Printmedien hier und da glauben machen, dann muss man sich fragen, warum es das deutsche Zeitschriften- und Zeitungswesen dennoch in eine so tiefe Krise stürzen konnte. Und es steht die Frage im Raum, wieso eine vermeintlich erfahrene Redaktion eine junge Journalistin wie Petra F. über ein derart kompliziertes Thema schreiben ließ, über „[p]olitische Kommunikation“, über „unser Vertrauen in die Demokratie“ und über ein „Kollektiv von Amateuren, das [im Internet] mit gefährlichem Halbwissen die öffentliche Meinung beeinflusst“. Wer war sich da zu fein, ihr unter die Arme zu greifen? Oder wer wusste es gar selbst nicht besser? Ein Kollektiv von vermeintlichen Professionellen etwa, das mit gefährlichem Halbwissen die öffentliche Meinung…
…okay okay, die Pointe spar’ ich mir für schlechte Zeiten.

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Seminararbeit: Wie gerecht ist das Entschädigungsverfahren in Neuseeland?

— 30. November 2008

„He iwi tahi tatou.” – Wir sind jetzt ein Volk! Mit diesen Worten verabschiedete im Juni 1840 William Hobson, designierter Generalgouverneur der wenige Minuten zuvor gegründeten Kolonie Neuseeland, die Unterzeichner des Vertrags von Waitangi. Zahlreiche Maori-Häuptlinge der Nordinsel waren zusammengekommen und unterschrieben diesen als Gründungsdokument des Landes geltenden Vertrag, der die Abtretung verschiedener Hoheitsrechte an die Britische Krone vorsah und den Maori im Gegenzug die Anerkennung ihrer Besitzansprüche auf Land und Ressourcen sowie den Status britischer Bürger versprach.

Der Vertrag von Waitangi gilt als in der Geschichte des europäischen Kolonialismus bemerkenswert, weil er Ureinwohner und Siedler zumindest formell als gleichwertige Vertragspartner behandelte. Doch die damals gemachten Versprechungen gerieten bald in Vergessenheit: Von den 26.892.000ha Land, die sich 1840 im Besitz der Maori befanden, blieben 1939 nur noch 1.631.706ha. Bis in die heutige Zeit hinein erfahren Maori außerdem eine starke soziokulturelle Benachteiligung. Ihr Schicksal unterscheidet sich trotz des damals getroffenen Abkommens nicht wesentlich von dem der Ureinwohner in anderen Ländern.

Erst gegen Mitte des 20. Jahrhunderts erinnerte sich Neuseeland des Vertrags von Waitangi. Nicht so sehr durch eine bewusste Aufarbeitung des kolonialen Erbes, sondern viel mehr im Zuge der Entwicklung einer eigenständigen nationalen Identität fand der Vertrag zunehmende Beachtung und eine öffentliche Diskussion über die sich aus ihm ableitenden Rechte und Pflichten seitens der Vertragspartner entstand. Auch Forderungen nach Entschädigung und Wiedergutmachung wurden laut. Weil diese Stimmen nicht verstummten, wurde 1975 schließlich eine Kommission ins Leben gerufen, die sich mit den Ansprüchen der Maori beschäftigen sollte: das Waitangi Tribunal. Seither bemüht sich die neuseeländische Gesellschaft also um den Ausgleich all jener Ungerechtigkeiten, auf die sie und ihr Wohlstand sich einst gründeten.

Doch wie gerecht kann ein solches Entschädigungsverfahren überhaupt ablaufen? Das vorliegende Essay versucht diese Frage zu beantworten. Benotet wurde es mit 1,0.

Hier geht es zur Seminararbeit: Wie gerecht ist das Entschädigungsverfahren in Neuseeland? (PDF)

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„Das hat mit Markt nichts zu tun“

— 10. Oktober 2008

Nun möchte ich mich keinesfalls erdreisten, an dieser Stelle ohne das nötige Fach- oder gar Hintergrundwissen über die aktuelle Krise des Finanzmarkts zu schreiben. Unter anderem die „Bild“-Zeitung hat hinlänglich bewiesen, wie albern das wirkt. Wert lege ich jedoch auf die nicht im Mindesten geistreiche (aber zutreffende) Feststellung, dass die meisten der abgeschmackten Dutzendblödmänner, die uns von der Politik derzeit als „Retter“ verkauft werden, durch ihren neoliberalen Gesinnungsscheiß und die damit einhergehenden Reformen eine Krise derartigen Ausmaßes überhaupt erst möglich gemacht haben. Wo kollektive Selbstkritik angebracht wäre, erleben wir einmal mehr die immer gleiche Profilierungssucht der immer gleichen Polit-Schnösel. Neben Kanzlerin und Finanzminister kann derzeit auch die FDP mit ratlosen Phrasen und Schuldzuweisungen kaum an sich halten, allen voran die Fraktionsspitze, trotz „Bankenkrise“ scheinbar nach wie vor besetzt mit Hofnarren der Finanzindustrie in Festanstellung. O-Ton Westerwelle:

Wir wissen nicht, was die Bundesregierung weiß oder zu welchem Zeitpunkt Sie [gemeint ist Angela Merkel] über das Ausmaß der Affäre Bescheid wussten. Wir wissen aber, dass Sie Ihrer Verantwortung als Bankenaufsicht endlich besser gerecht werden müssen. Das ist keine wohlfeile Kritik im Nachhinein, sondern diesen Systemfehler haben wir von Anfang an, schon seit Jahren in diesem Hause immer und immer wieder angemahnt.

Na schau, die Finanzexperten von der FDP haben es natürlich schon vorher gewusst. Wie zum Beispiel im „Deutschlandprogramm“ zur Bundestagswahl 2005, wo es pauschal heißt: „Ferner muß der politische Einfluß im Bankensektor reduziert werden. Das vergrößert die Chancen des Bankenstandortes Deutschland.“¹ Die Chancen auf einen Zusammenbruch der Märkte allemal, so bitter das auch sein mag. Lustig wird’s hingegen, wenn ein sog. FDP-Spitzenpolitiker zur Abwechslung mal Stellung nehmen muss zu dem Mist, den seine Partei da jahrelang verzapft hat. Etwa Jürgen Koppelin, Haushaltsexperte der Bundestagsfraktion, im Interview mit dem Potsdamer Radiosender „Radio Eins“ (hier als mp3):

Moderator: Die FDP hat jahrelang immer wieder argumentiert, man solle dem Markt vertrauen und sich nicht einmischen. Jetzt haben wir gesehen, was dabei herauskommt. Ist die FDP, sind Sie jetzt schlauer?

Koppelin: Der Markt ist in Ordnung, das ist, liegt ja teilweise … überwiegend auch an den Managern. Das hat daran gelegen, das muss man ja auch offen sagen, dass die Krise ja in den USA begonnen hat. Wir wollen ja mal die Urheber nennen. Das ist in den USA gewesen, das große Problem, damals mit den Niedrigzinsen. Dann hat man unglaublich vielen Menschen billige Hypotheken angedreht, die sie anschließend nicht bezahlen konnten, und unsere Banken, unsere Manager der Banken, sind auf diese Geschichte, diese Geschäfte reingefallen.

Moderator: Das ist doch der Markt.

Koppelin: Das ist nicht der Markt, das ist das Verhalten der Manager. Wenn ich Treu und Glauben mache, oder wenn ich, wie ich fordere, sage, oder warum müssen unsere Bankmanager, das hat sich in den letzten Jahren so eingebürgert, müssen zum Jahresende noch Boni kriegen, nach Umsatz, und die haben sich die Taschen gefüllt, nachdem sie vorher schon die dicken Gehälter bekamen. Das ist nicht Markt, das ist ein Fehlverhalten bei den Banken, das ist ein Fehlverhalten auch bei den Aufsichtsgremien von Banken …

Moderator: Aber …

Koppelin: … und da muss mal Einhalt geboten werden.

Moderator: Der Markt hat doch mit seinen Regeln aber möglich gemacht, dass solche Menschen führende Positionen in diesem Business haben.

Koppelin: Nein, nicht da … das müssen Sie … Der Markt, der Markt selber ist ok. Es ist nur, wer kommt hin, wer kriegt Managerfunktionen, und da habe ich den Eindruck, manchen fehlt’s da wirklich, ja, nicht nur an der guten Ausbildung, sondern, sie waren nur noch auf Schnäppchenjagd. Das hat mit Markt nichts zu tun.²

¹ Zitiert wurden diese beiden Sätze unter anderem auch in der „Financial Times Deutschland“, allerdings unter Verweis auf ein Grundsatzprogramm der FDP aus dem Jahr 1997. Diese Quellenangabe scheint falsch zu sein. Definitiv zu finden ist das Zitat, wie oben erwähnt, im „Deutschlandprogramm“ zur Bundestagswahl 2005.
² Via Alarmschrei.

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Seminararbeit: Die Intrige in Johann Elias Schlegels „Canut“

— 8. Oktober 2008

Das Internet bietet erstaunlich wenige Informationen über Johann Elias Schlegel und sein Trauerspiel „Canut“, ausweislich des Nachworts der Reklam-Ausgabe „das beste Drama, das in der Zeit nach den Tragödien von Gryphius und Lohenstein und vor den Trauerspielen von Lessing in der deutschen Sprache geschrieben worden ist“. Es scheint daher durchaus sinnvoll, die vorliegende Seminararbeit zu veröffentlichen.

Folgende Anmerkungen seien mir gestattet: 1. Die Gliederung der Arbeit ist kräftig misslungen. Mit der von mir an anderer Stelle geäußerten Behauptung, Schlafmangel sei das Halluzinogen der Tüchtigen, lag ich falsch. Erst allgemeiner gefasst stimmt’s: Schlafmangel ist das Halluzinogen derer, die zu wenig schlafen. Etwa weil der Abgabetermin für eine Seminararbeit immer näher rückt und noch nichts getan ist. Für die eigentlich notwendige Umstrukturierung der Arbeit fehlte am Ende deshalb schlichtweg die Zeit. Denkbar wäre folgender, an dieser Stelle lediglich in Schlagworten skizzierter Aufbau: Einleitung, Grundlegendes zur Intrige, Schlegels Dramentheorie, Canut, Resümee. 2. Nicht unerwähnt bleiben soll auch die angesichts der bereits erwähnten Schwächen wohl etwas zu großzügig ausgefallene Benotung durch die Dozentin: sehr gut (1,0).

Zur Seminararbeit: Die Intrige in Johann Elias Schlegels „Canut“ (PDF)

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Oskar Lafontaine (65), „nationale Figur“

— 3. Oktober 2008

In der Regel verachtenswert, bestenfalls „brutal unnötig“ (Jürgen Klinsmann), was uns die Internetableger sog. etablierter Medien auf ihren Websiten als Journalismus verkaufen wollen: Unique visitors, page impressions und was noch alles bestimmen das Tagesgeschäft, reißerische Überschriften sind geradezu obligat, die dazugehörigen Texte meist „saudumm“ (Günther Beckstein). Nun mag diese Feststellung kaum origineller sein als die Vermutung, der hiesige Journalismus sei, verallgemeinert, nicht etwa nur gewollt unkritisch und obrigkeitshörig, sondern beschränke sich eben auch aus Denkfaulheit, wo nicht -unfähigkeit, immer häufiger auf das stocknaive Nachplappern von Agenturmeldungen und PR-Quatsch. Aber weil’s halt nicht einfach nur gelesen sondern hernach auch noch geglaubt wird, bleiben große Teile des journalistischen Establishments trotz zunehmender geistiger Verwahrlosung relevant wie eh und je. Die Dummheit müsse ausgerottet werden, befand Bertolt Brecht in den „Geschichten vom Herrn Keuner“, „weil sie die dumm macht, die ihr begegnen“.

Als triviales und deshalb anschauliches Fallbeispiel darf uns die Nachbetrachtung des vor längerer Zeit erschienenen „Bild am Sonntag“-Interviews mit Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt gelten. Folgende Äußerung gab ausreichend Anlass zu umfangreicher Berichterstattung: „Aber wir sehen jetzt in Amerika, wie ein junger Mann, Barack Obama, allein mit Charisma zu einer nationalen Figur wird. Dabei darf man nicht vergessen, dass Charisma für sich genommen noch keinen guten Politiker ausmacht. Auch Adolf Nazi (sic!) war ein charismatischer Redner. Oskar Lafontaine ist es auch.“ Wie üblich auf Krawall gebürstet, hustete Schmidt dem „BamS“-Reporter also verwirrte Provokationen ins Diktiergerät, die von verschiedenen Journalisten mit wenn überhaupt handwerklichem Geschick zu folgenden Überschriften zurechtgebogen wurden: „Scharfe Kritik: Schmidt vergleicht Lafontaine mit Hitler und Le Pen“ (welt.de), „Altkanzler Schmidt vergleicht Lafontaine mit Hitler“ (tagesschau.de), „Helmut Schmidt vergleicht Lafontaine mit Hitler“ (tagesspiegel.de), nochmal „Schmidt vergleicht Lafontaine mit Hitler und Le Pen“ (spiegel.de), etc. pp. Dass vom bürgerlichen Gratisgeschimpfe gegen politische Abweichler überhaupt noch Notiz genommen wird – na gut, geschenkt. Wieso aber mutmaßlich studierte Schreiberlinge nicht zu wenigstens einem winzigen bisschen Textinterpretation in der Lage sind, möchte ich dann bitteschön doch erklärt haben. Andernfalls hätten sie Schmidts Worten nämlich durchaus Dinge entnehmen können, auf die sie vorher nicht in diesbezüglich erschienenen Agenturmeldungen hingewiesen wurden. Dinge, die Schmidt zwar vermutlich gar nicht so meinte, die er aber – und da kann ich halt auch nichts für – genau so gesagt hat. Und die sich übrigens auch prima zur Produktion von page impressions-fördernden Überschriften eignen: „Schmidt vergleicht Obama mit Hitler“, wäre zum Beispiel eine. Eine andere lautet – hört hört: „Mit Charisma zur nationalen Figur: Schmidt vergleicht Lafontaine mit Oba…“
…Nein?
Doch.

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Im Rückwärtsgang und rückwärtsgewandt

— 2. August 2008

„CDU überholt SPD als mitgliederstärkste Partei“ (Spiegel Online), „CDU überholt SPD bei Mitgliedern“ (Focus Online), „CDU überholt SPD erstmals bei Mitgliedern“ (sueddeutsche.de), „CDU überholt SPD erstmals bei Mitgliederzahl“ (Welt Online), „CDU zieht an SPD vorbei“ (Financial Times Deutschland). Das Presseecho ist gewohnt eintönig, gleichsam unangebracht die geisttötende Schönfärberei. Tatsache ist nämlich, dass die Mitgliederzahl sowohl der SPD als auch der CDU seit Jahren durchgehend fällt und ein Ende dieser Entwicklung nicht abzusehen ist. Die CDU „überholt“ also die SPD, indem sie sich weniger langsam in die falsche Richtung bewegt.

Mitgliederzahlen der CDU und SPD

Herzlichen Glückwunsch, liebe CDU, zu diesem großartigen Erfolg.

Dem kritischen Beobachter wird jedoch auffallen, dass die oben zitierten Überschriften den Sachverhalt allesamt auf die gleiche Weise völlig verdreht darstellen. Unter „überholen“ versteht man gemeinhin, „mit größerer Geschwindigkeit an jemandem oder etwas [vorbeizuziehen], das sich in die gleiche Richtung bewegt“ (Wiktionary). Betrachtet man das obige Diagramm unter diesem Gesichtspunkt, stellt man fest, dass viel mehr die SPD die CDU überholt hat und nicht umgekehrt – wenn auch auf dem Weg in Richtung Abgrund. Dort aber warten bereits die führenden Vertreter der deutschen Medienlandschaft, Vorhut des Versagertums und Totengräber der Solidarität.

Bzgl. d. Diagramms vgl. http://www.polwiss.fu-berlin.de/people/
niedermayer/docs/AHOSZ13.pdf.

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