Ganz unten: Tag 2

— 25. Oktober 2006

“Ganz unten” ist eine Fortsetzungsgeschichte über meine Arbeit in einem Supermarkt. Zum besseren Verständnis sollte man den vorhergenden Beitrag gelesen haben:
Ganz unten: Tag 1

Über Nacht wurde der Supermarkt komplett renoviert. Alte Regale wurden abgebaut, neue aufgebaut, die Decke wurde neu gemacht, einige Wände gestrichen und kaputte Bodenfliesen ersetzt. Wirklich schick also. Der nächste Tag an der Konservendosenfront beginnt.

Die Waren, die gestern aus den alten Regalen ausgeräumt wurden, müssen heute wieder in die neuen Regale eingeräumt werden. Eine sehr entspannte Arbeit. Ich rechne mit einem angenehmen Arbeitstag, bis hinter mir ein Pfiff ertönt. Ich drehe mich um und sehe den Einweiser mit den verfaulten Zähnen, der in einiger Entfernung steht und unbeholfen mit den Händen herumfuchtelt. Das heißt wohl so viel wie: Mitkommen, Arschloch.
Die Firma, die den Laden renoviert hat, braucht jemanden für die Drecksarbeit. Gemeinsam mit einer anderen Aushilfe und irgendeinem Typ, den ich noch nie gesehen habe soll ich die alten Regale und anderen Schrott in einen riesigen Container im Hof verfrachten. Mein neuer Arbeitskollege wird mir zwar nicht vorgestellt, aber ich denke Didi ist ein guter Name für ihn.
Die ausrangierten Regale standen die Nacht über im Freien und es regnete. Der Schmutz, der sich über die Jahre an den Regalen abgelagert hat, hat sich mit dem Regenwasser vermischt. Sobald Didi und ich ein Regalteil anheben um es in den Container zu tragen, kommt uns diese dunkelbraune Brühe entgegen.
Alle fünf Minuten schaut ein türkischer Handwerker vorbei und erklärt Didi, was als nächstes in den Container soll. Er zeigt dann immer auf ein paar Paletten. Und immer, wenn wir die erste dieser Paletten leer geräumt haben, hat Didi bereits komplett vergessen auf welche Paletten der Türke wenige Minuten zuvor auch noch gezeigt hatte. Wenn man ihn danach fragt, sagt er “Det wees ick jetz’ ooch nisch.” Dann kommt immer nochmal der Türke und zeigt, welche Paletten als nächstes in den Container sollen.
Didi ist also nicht der Cleverste. Aber dafür ist er unglaublich fleißig. Auf seiner Nase sitzt ein kobaltblaues Kassengestell. Ich mag ihn. Weniger sympathisch ist mir die andere Aushilfe, die eigentlich die Aufgabe hat uns zu helfen. Dieser Kerl hält sich scheinbar für das Gehirn dieser Operation. Er steht daneben und gibt uns Tipps, wie wir die Regalteile am besten anpacken sollen. Ohne jemals selbst eins angehoben zu haben und auch nur im entferntesten zu wissen, wie schwer die Mistdinger sind.
Unsere Mittagspause sagt der Türke kurzerhand ab und vertröstet uns auf später, weil der Container möglichst schnell voll werden müsse. Als wir jedoch fertig sind, hat er schon eine neue Aufgabe für uns in petto.
Im Laden werden die letzten Regale aufgebaut und wir sollen Paletten mit den dafür benötigten Teilen beladen. Auf extra vom Türken geschriebenen Zetteln steht die Anzahl der pro Palette benötigten Teile. Pro Teil müssen zusätzlich je zwei Halterungen aufgeladen werden. Der Türke sagt, immer die doppelte Menge. Dann testet er mich. Wenn auf dem Zettel die Zahl sieben stehe, wie viele Halterungen werden benötigt? “Vierzehn”, rechne ich ihm brav vor.
Während Didi und ich uns um die schweren Regalteile kümmern, übernimmt das Gehirn die federleichten Halterungen. Auf dem Zettel steht in Schreibschrift, dass zwölf Teile auf die Palette gehören.
“Wie viele Halterungen brauche ich da jetzt?”, denkt das Gehirn laut nach.
“Die doppelte Menge”, antworte ich.
“Ja, aber wie viel ist das?”
Ich schweige. Doch dann, urplötzlich, hat er denn rettenden Einfall.
“Ist doch egal”, sagt er, “ich nehme einfach zweimal zwölf.”

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