Lächerlich ist das neue arrogant

— 28. Mai 2008

Jedes Mal, wenn in meiner näheren Umgebung irgendjemand den Fernseher einschaltet, explodieren eine Billion Synapsen in meinem Gehirn. Das Blut läuft mir aus den Ohren, ich winde mich auf dem Boden liegend vor Schmerzen, schreie, meine Schädeldecke droht unter dem ungeheuren Druck zu zerbersten und die Leute drehen sich zu mir um und fragen: „Hey, Sven. Sag mal, stimmt irgendwas nicht?“

Vereinfacht dargestellt sind derartige Anfälle die Symptome einer unheilbaren Krankheit, an der ich seit meiner späten Jugend leide. Johannes B. Kerner, Kai Pflaume, Heidi Klum und Günther Jauch – Popkulturparasiten allesamt – rufen eine Immunreaktion hervor, deren entsetzliche Intensität selbst von der oben stehenden Beschreibung nur vage romantisch verklärt, also nüchtern betrachtet völlig unzureichend umschrieben wird. Nachvollziehen kann diese Qual meist nur, wer selbst erkrankt ist.

Das daraus resultierende Unverständnis anderer für meine Krankheit ist der Grund, warum ich mich in unserer Gesellschaft zuweilen wie ein Aussätziger fühlen muss. Für Leute wie mich gibt es eigene Bücher, Klamotten, Filme und CDs, die Faschingszeit verbringe ich in einem Zustand der Inneren Emigration, Gelfrisuren, Mallorca und Castingshows würde ich am liebsten verbieten lassen und Angebote zum Geschlechtsverkehr von schönen Frauen schlage ich aus, wenn ich die Nickelback-CD in ihrer Stereoanlage oder das Harry Potter-Buch auf ihrem Nachttisch entdecke. Der medizinische Fachausdruck hierfür lautet übrigens „Geschmack“.

Ansteckungsgefahr besteht nicht.

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Personalie des Tages

— 9. Mai 2008

Norbert Hansen. Wie gestern bekannt wurde, wechselt der Vorsitzende der Bahngewerkschaft Transnet den Arbeitgeber – man könnte auch sagen die Seiten. Nachdem er seinen Posten als Arbeiterführer erfolgreich dazu nutzen konnte, die offenkundig sinnlose Privatisierung der Deutschen Bahn medienwirksam zu unterstützen und innerhalb der SPD Lobbyarbeit zu betreiben, beruft die Deutsche Bahn ihn nun in die Vorstandsetage des Konzerns. Zum Dank, dass Transnet entgegen verschiedener innergewerkschaftlicher Beschlüsse (zuletzt im November 2007) als einzige Gewerkschaft im Deutschen Gewerkschaftsbund den Privatisierungskurs der Bahn unterstützte, lässt man ihn jetzt in den überschaubaren und elitären Kreis derjenigen aufsteigen, die von einem Verkauf des Volkseigentums Deutsche Bahn profitieren werden.

Ein Wort, das man im Zuge der umfassenden Berichterstattung über diesen Fall meiner Meinung nach öfter hätte verwenden sollen – wahrscheinlich öfter hätte verwenden müssen, lautet Korruption. Zumindest mit einem Fragezeichen dahinter.

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