Pünktlich zur EM: Die Fußballbegeisterung der Angela Merkel
— 8. Juni 2008„Fast 115 000 erwartungsfiebrige Menschen sind ins Aztekenstadion gekommen. Aber keiner, außer vielleicht seine persönliche Referentin Juliane Weber und sein Pressesprecher Friedhelm Ost, will ihn sehen.“¹ So beginnt im Juli 1986 ein „Spiegel“-Artikel über den Auftritt des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl beim Fußballweltmeisterschafts-Finale in Mexiko. Es folgt ein die Motive der ungelenken Anbiederungsversuche entlarvendes Traktat, die minutiöse Schilderung der hässlichen Ereignisse auf der Ehrentribüne, das Foto eines entsetzt dreinblickenden Karl-Heinz Rummenigge als ihn Kohls schwitzige Riesenhände medienwirksam umschlingen und er die wulstigen Lippen des alten Mannes auf seinen Wangen spürt. Heute freilich urteilt der „Spiegel“ anders.
Die „coole Kanzlerin“, heißt es da plötzlich im Jahr der größten Steuererhöhung in der Geschichte der Bundesrepublik, könne – man höre und staune – „ihre Begeisterung nicht mehr zügeln“², so sehr werde sie mitgerissen vom Spektakel der WM im eigenen Land. Kritische Töne ob der medialen Dauerberieselung mit Bildern des jubelnden Staatsoberhaupts suchte man damals in den Massenmedien vergeblich. So muss man sich keinesfalls wundern, dass Angela Merkel nicht nur wie selbstverständlich Zugang zur Kabine der Nationalelf hat, sondern sich auch noch fest auf die Kooperationsbereitschaft von Presse, Spielern und Funktionären verlassen kann, wenn es wie üblich darum geht, die politischen Verfehlungen der jüngeren Vergangenheit (Vgl. u.a. 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung) durch kurzweilige Showeinlagen vergessen zu machen.
„Was hat sie gesagt?“, fragt also Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein im „Aktuellen Sportstudio“ vom 31. Mai 2008 den deutschen Bundestrainer Joachim Löw nach dem Besuch der Kanzlerin in der Umkleidekabine der Nationalmannschaft, um nach dessen sich dieser Frage anschließenden Schleimscheißer-Prosa den vorweggenommenen Wahlwerbespot für die Bundestagswahl 2009 debil grinsend seinem Höhepunkt zuzutreiben: „Die Kanzlerin war zufrieden“, beschließt sie ein Interview, in dem es ursprünglich um den Fußballsport ging, „besser kann’s doch gar nicht kommen.“
¹ Der Spiegel, 28 / 1986, S. 124.
² Der Spiegel, 24 / 2006, S. 27.
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8. Juni 2008
naja die berater wurden einfach besser…
die showeinlagen sind medienwirksam veranstaltet und minutiös geplant…
ausrutscher wie damals werden heute leider zur seltenheit…
8. Juni 2008
schade dass sich Frau Merkel über Fussballbegeisterung profilieren muss, anstatt über Ihre Politik.
Vielleicht würde ihr ein Fussballtrikot besser stehn als ihre ewigen Hosenanzüge.
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