„Das hat mit Markt nichts zu tun“

— 10. Oktober 2008

Nun möchte ich mich keinesfalls erdreisten, an dieser Stelle ohne das nötige Fach- oder gar Hintergrundwissen über die aktuelle Krise des Finanzmarkts zu schreiben. Unter anderem die „Bild“-Zeitung hat hinlänglich bewiesen, wie albern das wirkt. Wert lege ich jedoch auf die nicht im Mindesten geistreiche (aber zutreffende) Feststellung, dass die meisten der abgeschmackten Dutzendblödmänner, die uns von der Politik derzeit als „Retter“ verkauft werden, durch ihren neoliberalen Gesinnungsscheiß und die damit einhergehenden Reformen eine Krise derartigen Ausmaßes überhaupt erst möglich gemacht haben. Wo kollektive Selbstkritik angebracht wäre, erleben wir einmal mehr die immer gleiche Profilierungssucht der immer gleichen Polit-Schnösel. Neben Kanzlerin und Finanzminister kann derzeit auch die FDP mit ratlosen Phrasen und Schuldzuweisungen kaum an sich halten, allen voran die Fraktionsspitze, trotz „Bankenkrise“ scheinbar nach wie vor besetzt mit Hofnarren der Finanzindustrie in Festanstellung. O-Ton Westerwelle:

Wir wissen nicht, was die Bundesregierung weiß oder zu welchem Zeitpunkt Sie [gemeint ist Angela Merkel] über das Ausmaß der Affäre Bescheid wussten. Wir wissen aber, dass Sie Ihrer Verantwortung als Bankenaufsicht endlich besser gerecht werden müssen. Das ist keine wohlfeile Kritik im Nachhinein, sondern diesen Systemfehler haben wir von Anfang an, schon seit Jahren in diesem Hause immer und immer wieder angemahnt.

Na schau, die Finanzexperten von der FDP haben es natürlich schon vorher gewusst. Wie zum Beispiel im „Deutschlandprogramm“ zur Bundestagswahl 2005, wo es pauschal heißt: „Ferner muß der politische Einfluß im Bankensektor reduziert werden. Das vergrößert die Chancen des Bankenstandortes Deutschland.“¹ Die Chancen auf einen Zusammenbruch der Märkte allemal, so bitter das auch sein mag. Lustig wird’s hingegen, wenn ein sog. FDP-Spitzenpolitiker zur Abwechslung mal Stellung nehmen muss zu dem Mist, den seine Partei da jahrelang verzapft hat. Etwa Jürgen Koppelin, Haushaltsexperte der Bundestagsfraktion, im Interview mit dem Potsdamer Radiosender „Radio Eins“ (hier als mp3):

Moderator: Die FDP hat jahrelang immer wieder argumentiert, man solle dem Markt vertrauen und sich nicht einmischen. Jetzt haben wir gesehen, was dabei herauskommt. Ist die FDP, sind Sie jetzt schlauer?

Koppelin: Der Markt ist in Ordnung, das ist, liegt ja teilweise … überwiegend auch an den Managern. Das hat daran gelegen, das muss man ja auch offen sagen, dass die Krise ja in den USA begonnen hat. Wir wollen ja mal die Urheber nennen. Das ist in den USA gewesen, das große Problem, damals mit den Niedrigzinsen. Dann hat man unglaublich vielen Menschen billige Hypotheken angedreht, die sie anschließend nicht bezahlen konnten, und unsere Banken, unsere Manager der Banken, sind auf diese Geschichte, diese Geschäfte reingefallen.

Moderator: Das ist doch der Markt.

Koppelin: Das ist nicht der Markt, das ist das Verhalten der Manager. Wenn ich Treu und Glauben mache, oder wenn ich, wie ich fordere, sage, oder warum müssen unsere Bankmanager, das hat sich in den letzten Jahren so eingebürgert, müssen zum Jahresende noch Boni kriegen, nach Umsatz, und die haben sich die Taschen gefüllt, nachdem sie vorher schon die dicken Gehälter bekamen. Das ist nicht Markt, das ist ein Fehlverhalten bei den Banken, das ist ein Fehlverhalten auch bei den Aufsichtsgremien von Banken …

Moderator: Aber …

Koppelin: … und da muss mal Einhalt geboten werden.

Moderator: Der Markt hat doch mit seinen Regeln aber möglich gemacht, dass solche Menschen führende Positionen in diesem Business haben.

Koppelin: Nein, nicht da … das müssen Sie … Der Markt, der Markt selber ist ok. Es ist nur, wer kommt hin, wer kriegt Managerfunktionen, und da habe ich den Eindruck, manchen fehlt’s da wirklich, ja, nicht nur an der guten Ausbildung, sondern, sie waren nur noch auf Schnäppchenjagd. Das hat mit Markt nichts zu tun.²

¹ Zitiert wurden diese beiden Sätze unter anderem auch in der „Financial Times Deutschland“, allerdings unter Verweis auf ein Grundsatzprogramm der FDP aus dem Jahr 1997. Diese Quellenangabe scheint falsch zu sein. Definitiv zu finden ist das Zitat, wie oben erwähnt, im „Deutschlandprogramm“ zur Bundestagswahl 2005.
² Via Alarmschrei.

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Seminararbeit: Die Intrige in Johann Elias Schlegels „Canut“

— 8. Oktober 2008

Das Internet bietet erstaunlich wenige Informationen über Johann Elias Schlegel und sein Trauerspiel „Canut“, ausweislich des Nachworts der Reklam-Ausgabe „das beste Drama, das in der Zeit nach den Tragödien von Gryphius und Lohenstein und vor den Trauerspielen von Lessing in der deutschen Sprache geschrieben worden ist“. Es scheint daher durchaus sinnvoll, die vorliegende Seminararbeit zu veröffentlichen.

Folgende Anmerkungen seien mir gestattet: 1. Die Gliederung der Arbeit ist kräftig misslungen. Mit der von mir an anderer Stelle geäußerten Behauptung, Schlafmangel sei das Halluzinogen der Tüchtigen, lag ich falsch. Erst allgemeiner gefasst stimmt’s: Schlafmangel ist das Halluzinogen derer, die zu wenig schlafen. Etwa weil der Abgabetermin für eine Seminararbeit immer näher rückt und noch nichts getan ist. Für die eigentlich notwendige Umstrukturierung der Arbeit fehlte am Ende deshalb schlichtweg die Zeit. Denkbar wäre folgender, an dieser Stelle lediglich in Schlagworten skizzierter Aufbau: Einleitung, Grundlegendes zur Intrige, Schlegels Dramentheorie, Canut, Resümee. 2. Nicht unerwähnt bleiben soll auch die angesichts der bereits erwähnten Schwächen wohl etwas zu großzügig ausgefallene Benotung durch die Dozentin: sehr gut (1,0).

Zur Seminararbeit: Die Intrige in Johann Elias Schlegels „Canut“ (PDF)

Creative Commons

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Oskar Lafontaine (65), „nationale Figur“

— 3. Oktober 2008

In der Regel verachtenswert, bestenfalls „brutal unnötig“ (Jürgen Klinsmann), was uns die Internetableger sog. etablierter Medien auf ihren Websiten als Journalismus verkaufen wollen: Unique visitors, page impressions und was noch alles bestimmen das Tagesgeschäft, reißerische Überschriften sind geradezu obligat, die dazugehörigen Texte meist „saudumm“ (Günther Beckstein). Nun mag diese Feststellung kaum origineller sein als die Vermutung, der hiesige Journalismus sei, verallgemeinert, nicht etwa nur gewollt unkritisch und obrigkeitshörig, sondern beschränke sich eben auch aus Denkfaulheit, wo nicht -unfähigkeit, immer häufiger auf das stocknaive Nachplappern von Agenturmeldungen und PR-Quatsch. Aber weil’s halt nicht einfach nur gelesen sondern hernach auch noch geglaubt wird, bleiben große Teile des journalistischen Establishments trotz zunehmender geistiger Verwahrlosung relevant wie eh und je. Die Dummheit müsse ausgerottet werden, befand Bertolt Brecht in den „Geschichten vom Herrn Keuner“, „weil sie die dumm macht, die ihr begegnen“.

Als triviales und deshalb anschauliches Fallbeispiel darf uns die Nachbetrachtung des vor längerer Zeit erschienenen „Bild am Sonntag“-Interviews mit Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt gelten. Folgende Äußerung gab ausreichend Anlass zu umfangreicher Berichterstattung: „Aber wir sehen jetzt in Amerika, wie ein junger Mann, Barack Obama, allein mit Charisma zu einer nationalen Figur wird. Dabei darf man nicht vergessen, dass Charisma für sich genommen noch keinen guten Politiker ausmacht. Auch Adolf Nazi (sic!) war ein charismatischer Redner. Oskar Lafontaine ist es auch.“ Wie üblich auf Krawall gebürstet, hustete Schmidt dem „BamS“-Reporter also verwirrte Provokationen ins Diktiergerät, die von verschiedenen Journalisten mit wenn überhaupt handwerklichem Geschick zu folgenden Überschriften zurechtgebogen wurden: „Scharfe Kritik: Schmidt vergleicht Lafontaine mit Hitler und Le Pen“ (welt.de), „Altkanzler Schmidt vergleicht Lafontaine mit Hitler“ (tagesschau.de), „Helmut Schmidt vergleicht Lafontaine mit Hitler“ (tagesspiegel.de), nochmal „Schmidt vergleicht Lafontaine mit Hitler und Le Pen“ (spiegel.de), etc. pp. Dass vom bürgerlichen Gratisgeschimpfe gegen politische Abweichler überhaupt noch Notiz genommen wird – na gut, geschenkt. Wieso aber mutmaßlich studierte Schreiberlinge nicht zu wenigstens einem winzigen bisschen Textinterpretation in der Lage sind, möchte ich dann bitteschön doch erklärt haben. Andernfalls hätten sie Schmidts Worten nämlich durchaus Dinge entnehmen können, auf die sie vorher nicht in diesbezüglich erschienenen Agenturmeldungen hingewiesen wurden. Dinge, die Schmidt zwar vermutlich gar nicht so meinte, die er aber – und da kann ich halt auch nichts für – genau so gesagt hat. Und die sich übrigens auch prima zur Produktion von page impressions-fördernden Überschriften eignen: „Schmidt vergleicht Obama mit Hitler“, wäre zum Beispiel eine. Eine andere lautet – hört hört: „Mit Charisma zur nationalen Figur: Schmidt vergleicht Lafontaine mit Oba…“
…Nein?
Doch.

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