Betrunkene Vorväter

— 6. Januar 2010

Fragt man nach dem historischen Ursprung des deutschen Selbstverständnisses, nach dem „stinkenden Kadaver ‚Deutschland‘ und jenen ‚Deutschen‘, die ihn ausbuddeln und wiederbeleben wollen“ (Hermann L. Gremliza)1, so stößt man über verschiedene Umwege sehr bald auf die ethnographische Schrift Germania des römischen Autors Tacitus. Obwohl er wahrscheinlich nie einen Fuß über die Alpen gesetzt hat, beschreibt Tacitus in diesem auf den Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. datierten Werk die Völker Germaniens, die Germanen.

Es gibt drei Theorien darüber, welche Absichten er damit verfolgt haben könnte. Vielleicht wollte er (1.) erklären, weshalb es Rom trotz jahrzehntelanger Bemühungen nicht gelungen war, Germanien zu unterwerfen. Schließlich besteht die Germania zu einem Gutteil aus der Schilderung der germanischen Kriegstüchtigkeit. In der Forschung populärer scheint die These, dass (2.) die Germania als Sittenspiegel konzipiert wurde. Tacitus könnte demnach versucht haben, seinen römischen Lesern ihre eigene Dekadenz vor Augen zu führen, indem er das Idealbild eines von der Zivilisation unverdorbenen Naturvolks zeichnete. Als ebenfalls möglich erachten manche, dass (3.) es sich bei der Germania um eine primär aus Erkenntnisinteresse geschriebene und deshalb zumindest im Kern wirklichkeitsnahe Ethnographie handelt. So wirklich sicher ist man sich in dieser Frage heute nicht mehr. Mitte des 15. Jahrhunderts, als italienische Humanisten die Germania in einem nordhessischen Kloster wiederentdeckten, aber auch im Laufe der Neuzeit bis in das 20. Jahrhundert hinein, war das noch anders. Die Frage nach der Intention des Autors wurde selten gestellt; landläufig nahm man den Text „schlichtweg für bare Münze: So waren sie, unsere Vorfahren, und so sollten die Deutschen bleiben, wenn sie Bestand haben wollten in der Welt“ (Herfried Münkler).2 Die dabei stillschweigend vorausgesetzte, aber im Lichte der genaueren Betrachtung hoffnungslos naiv erscheinende Auffassung, dass die Deutschen Nachfahren der Germanen seien oder gar die Germanen Deutsche und die Deutschen Germanen, ist bis heute weit verbreitet.

Der von Tacitus aufgestellte Tugendkatalog fand ausgehend von der humanistischen Germania-Rezeption in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts schnell Eingang in das historisch-politische Bewusstsein. Die Männer beschreibt er als tapfer und stolz, freiheitsliebend und unbeugsam; dazu die Sittsamkeit der Frauen. Das hervorstechendste Merkmal der Tacitus-Germanen aber ist ihre Kriegstüchtigkeit. Sippen und Familien bilden im Kampf einzelne Schlachtkeile, das Heerwesen fußt auf Loyalitätsbeziehungen zwischen einzelnen Anführern und dessen Gefolgsleuten.

„Kommt es zur Schlacht, ist es schimpflich für den Gefolgsherrn, an Tapferkeit zurückzustehen, schimpflich für das Gefolge, es dem Herrn an Tapferkeit nicht gleichzutun. Doch für das ganze Leben lädt Schmach und Schande auf sich, wer seinen Herrn überlebend aus der Schlacht zurückkehrt. [..] Die Herren kämpfen für den Sieg, die Gefolgsleute für den Herrn“ (S. 12).3

Niemals erledigen die Germanen etwas anders als in Waffen, berichtet Tacitus, und „nicht so leicht könnte man einen Germanen dazu bringen, das Feld zu bestellen und die Ernte abzuwarten, als den Feind herauszufordern und sich Wunden zu holen; es gilt sogar für träge und schlaff, sich mit Schweiß zu erarbeiten, was man mit Blut erringen kann“ (S. 12f).

Die ausgefeilte und effektvolle Komposition dieser Zeilen geht selbst durch die Übersetzung aus dem Lateinischen kaum verloren. Die in ihnen konstruierte Gesellschaftsordnung ist attraktiv unkompliziert und naturverbunden, die angepriesenen Tugenden galten lange als zeitlos und unersetzlich. Der Erfolg, den dieser Text hatte, ist mit heutigen publizistischen Maßstäben längst nicht zu messen. „Kein anderes Dokument hat das deutsche Nationalgefühl so stark geprägt wie die Germania“, fasst der Historiker Horst Fuhrmann die Rezeptionsgeschichte des Werks zusammen.4 Wir finden Anspielungen und Hinweise auf die von Tacitus beschriebenen germanischen Eigenheiten in Johann Gottlieb Fichtes „Reden an die Deutsche Nation“, in August Heinrich Hoffmann von Fallerslebens „Lied der Deutschen“ und in unzähligen anderen für den deutschen Nationalismus bedeutenden kulturellen Erzeugnissen. Ihren Höhepunkt aber erreichte die Verherrlichung des Germanentums im Dritten Reich. Und nicht nur weil Tacitus der Auffassung war, dass „sich die Bevölkerung Germaniens niemals durch Heiraten mit Fremdstämmen vermischt hat und so ein reiner, nur sich selbst gleicher Menschenschlag von eigener Art geblieben ist“ (S. 5), spielte er hierbei eine Schlüsselrolle. Der Rassentheorie galt die Germania als unumstößlicher Beweis für die Reinheit des eigenen Blutes und die Wehrmacht appellierte bis zu ihrem endgültigen Zusammenbruch an die germanische Kriegerehre der deutschen Soldaten. So meldete das Oberkommando der Wehrmacht nach dem Selbstmord Adolf Hitlers am 2. Mai 1945:

„An der Spitze der heldenmütigen Verteidiger der Reichshauptstadt ist der Führer gefallen. Von dem Willen beseelt, sein Volk und Europa vor der Vernichtung durch den Bolschewismus zu erretten, hat er sein Leben geopfert. Dieses Vorbild ‚getreu bis zum Tode‘ ist für alle Soldaten verpflichtend.“5

Dazu gewissermaßen passend Tacitus in einem der weniger beachteten Kapitel der Germania: „So groß ist ihr Starrsinn an verkehrter Stelle; sie selbst reden von Treue“ (S. 19).

Den sich auf Tacitus berufenden Konstrukteuren des Germanenmythos lässt sich mit Tacitus antworten, so scheint es mitunter, und die im nationalen Wahn gezeichneten Bilder der vermeintlichen Vorfahren verlieren ihren Glanz, wenn man die Kapitel 22-24 der Germania aufschlägt. Die Germanen, gibt der Autor darin zu Protokoll, seien hemmungslose Säufer. „Tag und Nacht durchzuzechen, ist für niemanden eine Schande“ (S. 18) und allein das Glücksspiel treibt gelegentlich zur Nüchternheit. „Streitigkeiten sind häufig (es handelt sich ja um Betrunkene); sie enden selten mit bloßen Schimpfreden, öfters mit Totschlag und Blutvergießen“ (ebd.).

„Als Getränk dient ein Saft aus Gerste oder Weizen, der durch Gärung eine gewisse Ähnlichkeit mit Wein erhält; die Anwohner von Rhein und Donau kaufen auch Wein. [..] Wollte man ihnen, ihrer Trunksucht nachgebend, verschaffen, soviel sie wollen, so könnte man sie leichter durch ihr Laster als mit Waffen besiegen“ (ebd.).

Was dann doch wieder für eine engere Verwandtschaft spräche.

  1. Gremliza, Hermann L.: Krautland einig Vaterland, Hamburg 1990, S. 23. []
  2. Münkler, Herfried: Die Deutschen und ihre Mythen, Berlin 2009, S. 151. []
  3. Zitiert wird nach folgender Ausgabe: Tacitus: Germania, Stuttgart 1971. Die Seitenzahlen werden in Klammern im Text angegeben. Es handelt sich um eine Übersetzung von Manfred Fuhrmann. []
  4. Zitiert nach: Münkler, Herfried: Die Deutschen und ihre Mythen, Berlin 2009, S. 150. []
  5. Im Internet z. B. hier nachzulesen: http://www.spiegel.de/panorama/zeitgeschichte/0,1518,352382,00.html []

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