„Elle trouva des souscripteurs!“
— 23. März 2011Während einer Spekulationsblase zu Beginn der 1820er Jahre wurden an der Londoner Börse zahlreiche Unternehmen mit aberwitzigen Zielsetzungen gehandelt; darunter eines, das die Trockenlegung des Roten Meeres plante. Die dessen Aktien zeichneten, bleiben der spottenden Nachwelt, wo schon nicht als Finanzgenies, so doch zumindest als gute Christen in Erinnerung, gesegnet mit dem festen Glauben an die Korrektheit der biblischen Überlieferung. Insbesondere an Exodus 14, 27-28:
„27Da streckte Mose seine Hand aus über das Meer, und das Meer kam beim Anbruch des Morgens wieder in seine Strömung, und die Ägypter flohen ihm entgegen. So stürzte der Herr die Ägypter mitten ins Meer. 28Denn die Wasser fluteten zurück und bedeckten die Streitwagen und Reiter der ganzen Macht des Pharao, die ihnen ins Meer nachgefolgt waren, so daß auch nicht einer von ihnen übrigblieb.“
Zur Erinnerung: Dieser Episode alttestamentarischer Grausamkeit vorangegangen war der Auszug der Israeliten aus Ägypten. Verfolgt vom Heer des Pharao erreichten sie das „Schilfmeer“ (nach populärer Deutung gleichzusetzen mit dem Roten Meer); Moses teilte mit seinem Stab die Fluten und die Israeliten gelangten trockenen Fußes zum anderen Ufer. Ihre Verfolger aber wurden auf halbem Weg vom zurückströmenden Wasser überrascht. Der Plan des Unternehmens war es nun, das Meer trockenzulegen und die auf dem Meeresgrund vermuteten Schätze der ertrunkenen Ägypter zu bergen.
Dies ist nur eines der üblichen, angeblich historischen Beispiele für die Auswüchse der Börsenspekulation. Es gibt noch mehr davon. So die wiederkehrende Geschäftsidee, mit dem Geld vertrauensseliger Anleger die Konstruktion eines Perpetuum mobile zu versuchen, Bauunternehmen, die sich auf die Errichtung von Heimen zur Unterbringung unehelicher Kinder spezialisieren wollten, und jene sich während der Südsee-Spekulationsblase von 1720 angeblich gut verkaufende Aktie „zur Finanzierung eines Vorhabens, das zu gegebener Zeit bekannt gegeben werden soll“. Überliefert werden sie zumeist in Nebensätzen oder allenfalls anekdotenhaften Einschüben, als fun facts in ansonsten ihrer Natur nach eher trockenen Abhandlungen über die Geschichte der Banken, der Finanzmärkte, des Kapitalismus usf., als gedankenlose Zote oder als ernst gemeinter Beleg für eine vermeintliche historische Konstante, nämlich die immerwährende Bereitschaft der Menschen, Dummheiten zu begehen. Selbst in seriösen Texten mit einem ausgewachsenen wissenschaftlichen Apparat finden sich für derlei Kuriositäten selten Quellenangaben. Es scheint, als würde ihnen schon die Häufigkeit ihrer Erwähnung Glaubwürdigkeit verleihen.
So verhält es sich auch mit der eingangs erzählten Anekdote über die geplante Trockenlegung des Roten Meeres. Allein der einflussreiche Ökonom John Kenneth Galbraith (1908-2006), seinen zahlreichen Nachrufen zufolge Träger von sage und schreibe fünfzig Ehrendoktorwürden, wusste in jüngerer Zeit eine Quelle zu nennen, als er das Unternehmen in seinem 1993 erschienenen Büchlein A Short History of Financial Euhporia kurz erwähnte. Seine Angaben scheinen ein willkommener Einstiegspunkt in die Suche nach dem Ursprung der Geschichte. Galbraith verweist auf „Andreas Andréadès, History of the Bank of England: 1640 to 1903, 2nd ed. (London: P. S. King & Son, 1924), p. 250, citing Juglar, Les crises economiques, p. 334.“ Man würde nun zunächst erwarten, an genanntem Ort etwa eine Kontextualisierung dieser kruden Geschichte oder gar einen handfesten Hinweis auf ihren Wahrheitsgehalt zu finden. Ein Blick in Andréadès‘ History of the Bank of England jedoch führt zu wenig mehr als der Feststellung, dass hier das Unternehmen noch knapper und unvermittelter erwähnt wird als bei Galbraith selbst (in einer Fußnote!). Galbraith trägt dem gewissermaßen Rechnung, indem er die von Andréadès angegebene vermeintliche Originalquelle nennt, nämlich Les crises économiques von Clément Juglar. Einen Titel, den es überhaupt nicht gibt. Weder Andréadès, dem beim Bibliografieren ein Fehler unterlaufen sein muss, noch Galbraith, der durch ungeprüftes Abschreiben dieser fehlerhaften Angabe dasteht wie ein Anfänger, bescheren uns also einen nennenswerten Informationsgewinn. Überhaupt legt erst eine kurze Recherche nahe, die beiden könnten Juglars Hauptwerk Des crises commerciales et de leur retour périodique en France, en Angleterre et aux États-Unis gemeint haben. Und tatsächlich werden wir fündig in dessen zweiter Edition (Paris 1889) auf der von Andréadès korrekt angegebenen Seite 334, wo Juglar der Episode zwei Halbsätze widmet. Hier jedoch endet die Spur, denn er verzichtet auf einen Quellenverweis. Juglar weiß lediglich zu berichten, was meistens berichtet wird, wenn eine solche Unternehmung zur Sprache kommt: „Elle trouva des souscripteurs!“
Wo also hat die Geschichte ihren Ursprung? Man würde vermuten, sie könnte bereits unter Zeitgenossen für reichlich Diskussionsstoff gesorgt haben. Doch eine Volltextsuche in der Datenbank 19th Century British Library Newspapers, die 49 ausgewählte Zeitungen des 19. Jahrhunderts aus dem Archiv der British Library umfasst (ca. 2 Mio. digitalisierte Seiten), fördert nichts zutage. Vielleicht wären wir für den Rest unseres Lebens zu rastloser Suche (oder zumindest resignativer Ungewissheit) verdammt, hätte Google nicht 2004 begonnen, mit begrenzter Rücksicht auf Urheberrechtsfragen die kompletten Bücherbestände zahlreicher amerikanischer und europäischer Bibliotheken Seite für Seite einzuscannen. 15 Millionen Bücher liegen mittlerweile in digitalisierter Form vor und können via Google Book Search durchsucht werden. Nach einer kaum abendfüllenden Recherche stoßen wir so auf einen gewissen John Francis, der sich 1847 (wie später Andréadès) an einer History of the Bank of England versuchte. Francis hat allen bisher genannten Personen zwei Dinge voraus: Erstens verweilte er zu Zeiten der besagten Spekulationsblase in London, er ist also Zeit- und Augenzeuge. Zweitens vermag er – anders als Galbraith, Andréadès und Juglar – den Ursprung der Geschichte zu nennen und selbige in einen Gesamtzusammenhang einzuordnen. Seine Schilderung der Anekdote ist außerdem die früheste auffindbare, weshalb sie sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit als deren Urversion identifizieren lässt. Francis schreibt: „The writer remembers to have seen [...] the prospectus of a company to drain the Red Sea, in search of gold and jewels left by the Egyptians, in their passage after the Israelites.“1 Auf diesen Satz beziehen sich mutmaßlich unzählige Autoren, die die Geschichte von der Unternehmung zur Trockenlegung des Roten Meeres nacherzählt haben. Und immer unterschlagen sie eine Kleinigkeit: Es handelte sich um einen Scherz.
- Via Google Book Search. [↩]
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