Taube sind die Ratten der Lüfte

— 20. Juli 2008

Taube sind die Ratten der Lüfte.

Entstanden im Zug nach Frankfurt.

···

Pünktlich zur EM: Die Fußballbegeisterung der Angela Merkel

— 8. Juni 2008

„Fast 115 000 erwartungsfiebrige Menschen sind ins Aztekenstadion gekommen. Aber keiner, außer vielleicht seine persönliche Referentin Juliane Weber und sein Pressesprecher Friedhelm Ost, will ihn sehen.“¹ So beginnt im Juli 1986 ein „Spiegel“-Artikel über den Auftritt des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl beim Fußballweltmeisterschafts-Finale in Mexiko. Es folgt ein die Motive der ungelenken Anbiederungsversuche entlarvendes Traktat, die minutiöse Schilderung der hässlichen Ereignisse auf der Ehrentribüne, das Foto eines entsetzt dreinblickenden Karl-Heinz Rummenigge als ihn Kohls schwitzige Riesenhände medienwirksam umschlingen und er die wulstigen Lippen des alten Mannes auf seinen Wangen spürt. Heute freilich urteilt der „Spiegel“ anders.

Die „coole Kanzlerin“, heißt es da plötzlich im Jahr der größten Steuererhöhung in der Geschichte der Bundesrepublik, könne – man höre und staune – „ihre Begeisterung nicht mehr zügeln“², so sehr werde sie mitgerissen vom Spektakel der WM im eigenen Land. Kritische Töne ob der medialen Dauerberieselung mit Bildern des jubelnden Staatsoberhaupts suchte man damals in den Massenmedien vergeblich. So muss man sich keinesfalls wundern, dass Angela Merkel nicht nur wie selbstverständlich Zugang zur Kabine der Nationalelf hat, sondern sich auch noch fest auf die Kooperationsbereitschaft von Presse, Spielern und Funktionären verlassen kann, wenn es wie üblich darum geht, die politischen Verfehlungen der jüngeren Vergangenheit (Vgl. u.a. 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung) durch kurzweilige Showeinlagen vergessen zu machen.

„Was hat sie gesagt?“, fragt also Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein im „Aktuellen Sportstudio“ vom 31. Mai 2008 den deutschen Bundestrainer Joachim Löw nach dem Besuch der Kanzlerin in der Umkleidekabine der Nationalmannschaft, um nach dessen sich dieser Frage anschließenden Schleimscheißer-Prosa den vorweggenommenen Wahlwerbespot für die Bundestagswahl 2009 debil grinsend seinem Höhepunkt zuzutreiben: „Die Kanzlerin war zufrieden“, beschließt sie ein Interview, in dem es ursprünglich um den Fußballsport ging, „besser kann’s doch gar nicht kommen.“

¹ Der Spiegel, 28 / 1986, S. 124.
² Der Spiegel, 24 / 2006, S. 27.

···

Lächerlich ist das neue arrogant

— 28. Mai 2008

Jedes Mal, wenn in meiner näheren Umgebung irgendjemand den Fernseher einschaltet, explodieren eine Billion Synapsen in meinem Gehirn. Das Blut läuft mir aus den Ohren, ich winde mich auf dem Boden liegend vor Schmerzen, schreie, meine Schädeldecke droht unter dem ungeheuren Druck zu zerbersten und die Leute drehen sich zu mir um und fragen: „Hey, Sven. Sag mal, stimmt irgendwas nicht?“

Vereinfacht dargestellt sind derartige Anfälle die Symptome einer unheilbaren Krankheit, an der ich seit meiner späten Jugend leide. Johannes B. Kerner, Kai Pflaume, Heidi Klum und Günther Jauch – Popkulturparasiten allesamt – rufen eine Immunreaktion hervor, deren entsetzliche Intensität selbst von der oben stehenden Beschreibung nur vage romantisch verklärt, also nüchtern betrachtet völlig unzureichend umschrieben wird. Nachvollziehen kann diese Qual meist nur, wer selbst erkrankt ist.

Das daraus resultierende Unverständnis anderer für meine Krankheit ist der Grund, warum ich mich in unserer Gesellschaft zuweilen wie ein Aussätziger fühlen muss. Für Leute wie mich gibt es eigene Bücher, Klamotten, Filme und CDs, die Faschingszeit verbringe ich in einem Zustand der Inneren Emigration, Gelfrisuren, Mallorca und Castingshows würde ich am liebsten verbieten lassen und Angebote zum Geschlechtsverkehr von schönen Frauen schlage ich aus, wenn ich die Nickelback-CD in ihrer Stereoanlage oder das Harry Potter-Buch auf ihrem Nachttisch entdecke. Der medizinische Fachausdruck hierfür lautet übrigens „Geschmack“.

Ansteckungsgefahr besteht nicht.

···

Personalie des Tages

— 9. Mai 2008

Norbert Hansen. Wie gestern bekannt wurde, wechselt der Vorsitzende der Bahngewerkschaft Transnet den Arbeitgeber – man könnte auch sagen die Seiten. Nachdem er seinen Posten als Arbeiterführer erfolgreich dazu nutzen konnte, die offenkundig sinnlose Privatisierung der Deutschen Bahn medienwirksam zu unterstützen und innerhalb der SPD Lobbyarbeit zu betreiben, beruft die Deutsche Bahn ihn nun in die Vorstandsetage des Konzerns. Zum Dank, dass Transnet entgegen verschiedener innergewerkschaftlicher Beschlüsse (zuletzt im November 2007) als einzige Gewerkschaft im Deutschen Gewerkschaftsbund den Privatisierungskurs der Bahn unterstützte, lässt man ihn jetzt in den überschaubaren und elitären Kreis derjenigen aufsteigen, die von einem Verkauf des Volkseigentums Deutsche Bahn profitieren werden.

Ein Wort, das man im Zuge der umfassenden Berichterstattung über diesen Fall meiner Meinung nach öfter hätte verwenden sollen – wahrscheinlich öfter hätte verwenden müssen, lautet Korruption. Zumindest mit einem Fragezeichen dahinter.

···

Ratgeber: Mückenplage

— 3. April 2008

Setzt man voraus, dass der Verlust von zwei Litern Blut für einen erwachsenen Menschen akut lebensbedrohlich ist¹ und eine weibliche Stechmücke pro Stich zwischen 1 und 2,5µl davon aufsaugt², können bereits 800000 innerhalb eines kurzen Zeitraums erfolgende Stiche zum Tod durch Verbluten führen.

¹ Vgl. Blutung, in: Brockhaus Enzyklopädie, 21. Auflage, Leipzig/Mannheim 2006, Bd. 4, S. 304-305.
² Vgl. Kotter, Heiko: Bionomie und Verbreitung der autochthonen Fiebermücke Anopheles plumbeus (Culicidae) und ihrer Vektorkompetenz für Plasmodium falciparum, Erreger der Malaria tropica, Dissertation, Universität Heidelberg 2006, S. 12.

···

Fresh goes better

— 12. März 2008

Sventos - The Freshmaker

···

Sechs Jahre Verbalterrorismus

— 3. März 2008

Ich habe die Kelter allein getreten, und von den Völkern stand mir niemand bei; und so habe ich sie in meinem Zorn getreten und in meinem Grimm zerstampft, dass ihr Saft an meine Kleider spritzte und ich alle meine Gewänder besudelte.

- Jes 63,3

Zum anstehenden Geburtstag ein neues Design.

···

Anti-Fasching 2008

— 31. Januar 2008

Es ist mir scheißegal, ob er seine normativ institutionalisierte und bis in die letzte Kamelle durchkommerzialisierte Ausgelassenheit nun Fasching oder Karneval nennt, ob er “Alaaf” oder “Helau” schreit. Der Deutsche Michel ist ein Spast!

Antifa (Fasching)

···

Personalie des Tages

— 26. Januar 2008

Lars Göran Josefsson. Hauptberuflich CEO und Präsident von Vattenfall, einem führenden europäischen Energiekonzern, der, sofern nicht gerade mit der Vertuschung von Störfällen in deutschen Atomkraftwerken beschäftigt, Strom bevorzugt aus fossilen Brennstoffen gewinnt. Nebenberuflich arbeitet Josefsson für die Bundesregierung – und zwar als (Achtung, Pointe) Klimaschutzbeauftragter.

···

Neuer „Prima-Sonntag“-Service: Bankdaten der Kleinanzeigenkunden im Internet abrufbar

— 10. Dezember 2007

Interessiert es Sie eigentlich, wer genau dieser „Er, 30 schlank, verh.“ ist, der eine „nette Sie“ für „gelegentliche erotische Treffen“ sucht? Nein!? Nun, vermutlich aber seine Frau. Dies würde zumindest erklären, wieso ein gewisser Ralf H. sich für eine Chiffre-Anzeige entschied, als er am 22. Januar 2007 das Onlineformular für Kleinanzeigen auf funkhaus-aschaffenburg.de ausfüllte. Augenscheinlich ging er davon aus, dass man seine persönlichen Daten vertraulich behandeln würde.

Ähnlich arglos schien „loewe.47“, der eine „Stammtischgründung für SM Liebhaber in AB“ anregte und zu dessen Fetisch es wahrscheinlich nicht gehört, dass seine Arbeitskollegen davon erfahren. Doch weil es nur zu billig wäre, an dieser Stelle ein „Best-Of“ skurriler Randexistenzen zu präsentieren, die ihre Freizeitinteressen über eine Kleinanzeige in den wöchentlich erscheinenden Aschaffenburger Anzeigeblättern „Prima-Sonntag“ und „Stadtzeitung“ mit der Welt zu teilen suchen, möchte ich gleich zur Sache kommen:

Die Namen, Adressen, Telefonnummern und Bankverbindungen all dieser Menschen findet man frei einsehbar im Internet, sofern man ein Mindestmaß an technischem Verständnis mitbringt und eine Suchmaschine bedienen kann. Absolut jeder, der seit Januar 2007 per Onlineformular eine Keinanzeige in den beiden erwähnten Zeitungen schaltete, ist davon betroffen. Die Anzahl der Einträge seit diesem Zeitpunkt ist vierstellig.

Doch damit nicht genug, denn auch eine große Zahl an über ein Kontaktformular verschickter Nachrichten kann eingesehen werden. So bietet zum Beispiel ein Angestellter eines einschlägig bekannten Großkonzerns sein Insiderwissen in Sachen Diskriminierung von Gewerkschaftsmitgliedern und Betriebsräten an. Vermutlich kann er gut darauf verzichten, dass sein Arbeitgeber davon erfährt.

Und auch wenn es mir eigentlich zuwider ist, derart verabscheuenswerte Schundblätter in ihrem Tagewerk zu unterstützen, ja: in dieser Oase der Verblödung einen Brunnen zu graben, auf dass sie auch weiterhin wachse und gedeihe, so möchte ich doch eins klar stellen. Es geht mir nicht darum die Verursacher zu schelten, sondern den Betroffenen zu helfen. Auch abseits dieses speziellen Falles bin ich der Meinung, dass Datenschutz ein Thema ist, dem die meisten Leute viel zu wenig Aufmerksamkeit schenken.

Deshalb folgender Plan: Zeitgleich zum Erscheinen dieses Eintrags verlässt eine E-Mail meinen virtuellen Postausgang, die auf die Sicherheitslücke hinweist. Da die Lösung des Problems simpler kaum sein könnte, ist es wenige Minuten später aus der Welt geschafft. Lediglich dieser Text wird verbleiben und die Menschen fortan mahnen, mit ihren Daten und den Daten Dritter verantwortungsbewusster umzugehen. Somit hätten alle etwas gelernt – außer mir natürlich: Ich bleibe auch weiterhin das selbstgerechte Arschloch, das gerne mit dem Finger auf andere Leute zeigt.

···