Oskar Lafontaine (65), „nationale Figur“

— 3. Oktober 2008

In der Regel verachtenswert, bestenfalls „brutal unnötig“ (Jürgen Klinsmann), was uns die Internetableger sog. etablierter Medien auf ihren Websiten als Journalismus verkaufen wollen: Unique visitors, page impressions und was noch alles bestimmen das Tagesgeschäft, reißerische Überschriften sind geradezu obligat, die dazugehörigen Texte meist „saudumm“ (Günther Beckstein). Nun mag diese Feststellung kaum origineller sein als die Vermutung, der hiesige Journalismus sei, verallgemeinert, nicht etwa nur gewollt unkritisch und obrigkeitshörig, sondern beschränke sich eben auch aus Denkfaulheit, wo nicht -unfähigkeit, immer häufiger auf das stocknaive Nachplappern von Agenturmeldungen und PR-Quatsch. Aber weil’s halt nicht einfach nur gelesen sondern hernach auch noch geglaubt wird, bleiben große Teile des journalistischen Establishments trotz zunehmender geistiger Verwahrlosung relevant wie eh und je. Die Dummheit müsse ausgerottet werden, befand Bertolt Brecht in den „Geschichten vom Herrn Keuner“, „weil sie die dumm macht, die ihr begegnen“.

Als triviales und deshalb anschauliches Fallbeispiel darf uns die Nachbetrachtung des vor längerer Zeit erschienenen „Bild am Sonntag“-Interviews mit Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt gelten. Folgende Äußerung gab ausreichend Anlass zu umfangreicher Berichterstattung: „Aber wir sehen jetzt in Amerika, wie ein junger Mann, Barack Obama, allein mit Charisma zu einer nationalen Figur wird. Dabei darf man nicht vergessen, dass Charisma für sich genommen noch keinen guten Politiker ausmacht. Auch Adolf Nazi (sic!) war ein charismatischer Redner. Oskar Lafontaine ist es auch.“ Wie üblich auf Krawall gebürstet, hustete Schmidt dem „BamS“-Reporter also verwirrte Provokationen ins Diktiergerät, die von verschiedenen Journalisten mit wenn überhaupt handwerklichem Geschick zu folgenden Überschriften zurechtgebogen wurden: „Scharfe Kritik: Schmidt vergleicht Lafontaine mit Hitler und Le Pen“ (welt.de), „Altkanzler Schmidt vergleicht Lafontaine mit Hitler“ (tagesschau.de), „Helmut Schmidt vergleicht Lafontaine mit Hitler“ (tagesspiegel.de), nochmal „Schmidt vergleicht Lafontaine mit Hitler und Le Pen“ (spiegel.de), etc. pp. Dass vom bürgerlichen Gratisgeschimpfe gegen politische Abweichler überhaupt noch Notiz genommen wird – na gut, geschenkt. Wieso aber mutmaßlich studierte Schreiberlinge nicht zu wenigstens einem winzigen bisschen Textinterpretation in der Lage sind, möchte ich dann bitteschön doch erklärt haben. Andernfalls hätten sie Schmidts Worten nämlich durchaus Dinge entnehmen können, auf die sie vorher nicht in diesbezüglich erschienenen Agenturmeldungen hingewiesen wurden. Dinge, die Schmidt zwar vermutlich gar nicht so meinte, die er aber – und da kann ich halt auch nichts für – genau so gesagt hat. Und die sich übrigens auch prima zur Produktion von page impressions-fördernden Überschriften eignen: „Schmidt vergleicht Obama mit Hitler“, wäre zum Beispiel eine. Eine andere lautet – hört hört: „Mit Charisma zur nationalen Figur: Schmidt vergleicht Lafontaine mit Oba…“
…Nein?
Doch.

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Im Rückwärtsgang und rückwärtsgewandt

— 2. August 2008

„CDU überholt SPD als mitgliederstärkste Partei“ (Spiegel Online), „CDU überholt SPD bei Mitgliedern“ (Focus Online), „CDU überholt SPD erstmals bei Mitgliedern“ (sueddeutsche.de), „CDU überholt SPD erstmals bei Mitgliederzahl“ (Welt Online), „CDU zieht an SPD vorbei“ (Financial Times Deutschland). Das Presseecho ist gewohnt eintönig, gleichsam unangebracht die geisttötende Schönfärberei. Tatsache ist nämlich, dass die Mitgliederzahl sowohl der SPD als auch der CDU seit Jahren durchgehend fällt und ein Ende dieser Entwicklung nicht abzusehen ist. Die CDU „überholt“ also die SPD, indem sie sich weniger langsam in die falsche Richtung bewegt.

Mitgliederzahlen der CDU und SPD

Herzlichen Glückwunsch, liebe CDU, zu diesem großartigen Erfolg.

Dem kritischen Beobachter wird jedoch auffallen, dass die oben zitierten Überschriften den Sachverhalt allesamt auf die gleiche Weise völlig verdreht darstellen. Unter „überholen“ versteht man gemeinhin, „mit größerer Geschwindigkeit an jemandem oder etwas [vorbeizuziehen], das sich in die gleiche Richtung bewegt“ (Wiktionary). Betrachtet man das obige Diagramm unter diesem Gesichtspunkt, stellt man fest, dass viel mehr die SPD die CDU überholt hat und nicht umgekehrt – wenn auch auf dem Weg in Richtung Abgrund. Dort aber warten bereits die führenden Vertreter der deutschen Medienlandschaft, Vorhut des Versagertums und Totengräber der Solidarität.

Bzgl. d. Diagramms vgl. http://www.polwiss.fu-berlin.de/people/
niedermayer/docs/AHOSZ13.pdf.

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Taube sind die Ratten der Lüfte

— 20. Juli 2008

Taube sind die Ratten der Lüfte.

Entstanden im Zug nach Frankfurt.

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Pünktlich zur EM: Die Fußballbegeisterung der Angela Merkel

— 8. Juni 2008

„Fast 115 000 erwartungsfiebrige Menschen sind ins Aztekenstadion gekommen. Aber keiner, außer vielleicht seine persönliche Referentin Juliane Weber und sein Pressesprecher Friedhelm Ost, will ihn sehen.“¹ So beginnt im Juli 1986 ein „Spiegel“-Artikel über den Auftritt des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl beim Fußballweltmeisterschafts-Finale in Mexiko. Es folgt ein die Motive der ungelenken Anbiederungsversuche entlarvendes Traktat, die minutiöse Schilderung der hässlichen Ereignisse auf der Ehrentribüne, das Foto eines entsetzt dreinblickenden Karl-Heinz Rummenigge als ihn Kohls schwitzige Riesenhände medienwirksam umschlingen und er die wulstigen Lippen des alten Mannes auf seinen Wangen spürt. Heute freilich urteilt der „Spiegel“ anders.

Die „coole Kanzlerin“, heißt es da plötzlich im Jahr der größten Steuererhöhung in der Geschichte der Bundesrepublik, könne – man höre und staune – „ihre Begeisterung nicht mehr zügeln“², so sehr werde sie mitgerissen vom Spektakel der WM im eigenen Land. Kritische Töne ob der medialen Dauerberieselung mit Bildern des jubelnden Staatsoberhaupts suchte man damals in den Massenmedien vergeblich. So muss man sich keinesfalls wundern, dass Angela Merkel nicht nur wie selbstverständlich Zugang zur Kabine der Nationalelf hat, sondern sich auch noch fest auf die Kooperationsbereitschaft von Presse, Spielern und Funktionären verlassen kann, wenn es wie üblich darum geht, die politischen Verfehlungen der jüngeren Vergangenheit (Vgl. u.a. 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung) durch kurzweilige Showeinlagen vergessen zu machen.

„Was hat sie gesagt?“, fragt also Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein im „Aktuellen Sportstudio“ vom 31. Mai 2008 den deutschen Bundestrainer Joachim Löw nach dem Besuch der Kanzlerin in der Umkleidekabine der Nationalmannschaft, um nach dessen sich dieser Frage anschließenden Schleimscheißer-Prosa den vorweggenommenen Wahlwerbespot für die Bundestagswahl 2009 debil grinsend seinem Höhepunkt zuzutreiben: „Die Kanzlerin war zufrieden“, beschließt sie ein Interview, in dem es ursprünglich um den Fußballsport ging, „besser kann’s doch gar nicht kommen.“

¹ Der Spiegel, 28 / 1986, S. 124.
² Der Spiegel, 24 / 2006, S. 27.

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Lächerlich ist das neue arrogant

— 28. Mai 2008

Jedes Mal, wenn in meiner näheren Umgebung irgendjemand den Fernseher einschaltet, explodieren eine Billion Synapsen in meinem Gehirn. Das Blut läuft mir aus den Ohren, ich winde mich auf dem Boden liegend vor Schmerzen, schreie, meine Schädeldecke droht unter dem ungeheuren Druck zu zerbersten und die Leute drehen sich zu mir um und fragen: „Hey, Sven. Sag mal, stimmt irgendwas nicht?“

Vereinfacht dargestellt sind derartige Anfälle die Symptome einer unheilbaren Krankheit, an der ich seit meiner späten Jugend leide. Johannes B. Kerner, Kai Pflaume, Heidi Klum und Günther Jauch – Popkulturparasiten allesamt – rufen eine Immunreaktion hervor, deren entsetzliche Intensität selbst von der oben stehenden Beschreibung nur vage romantisch verklärt, also nüchtern betrachtet völlig unzureichend umschrieben wird. Nachvollziehen kann diese Qual meist nur, wer selbst erkrankt ist.

Das daraus resultierende Unverständnis anderer für meine Krankheit ist der Grund, warum ich mich in unserer Gesellschaft zuweilen wie ein Aussätziger fühlen muss. Für Leute wie mich gibt es eigene Bücher, Klamotten, Filme und CDs, die Faschingszeit verbringe ich in einem Zustand der Inneren Emigration, Gelfrisuren, Mallorca und Castingshows würde ich am liebsten verbieten lassen und Angebote zum Geschlechtsverkehr von schönen Frauen schlage ich aus, wenn ich die Nickelback-CD in ihrer Stereoanlage oder das Harry Potter-Buch auf ihrem Nachttisch entdecke. Der medizinische Fachausdruck hierfür lautet übrigens „Geschmack“.

Ansteckungsgefahr besteht nicht.

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Personalie des Tages

— 9. Mai 2008

Norbert Hansen. Wie gestern bekannt wurde, wechselt der Vorsitzende der Bahngewerkschaft Transnet den Arbeitgeber – man könnte auch sagen die Seiten. Nachdem er seinen Posten als Arbeiterführer erfolgreich dazu nutzen konnte, die offenkundig sinnlose Privatisierung der Deutschen Bahn medienwirksam zu unterstützen und innerhalb der SPD Lobbyarbeit zu betreiben, beruft die Deutsche Bahn ihn nun in die Vorstandsetage des Konzerns. Zum Dank, dass Transnet entgegen verschiedener innergewerkschaftlicher Beschlüsse (zuletzt im November 2007) als einzige Gewerkschaft im Deutschen Gewerkschaftsbund den Privatisierungskurs der Bahn unterstützte, lässt man ihn jetzt in den überschaubaren und elitären Kreis derjenigen aufsteigen, die von einem Verkauf des Volkseigentums Deutsche Bahn profitieren werden.

Ein Wort, das man im Zuge der umfassenden Berichterstattung über diesen Fall meiner Meinung nach öfter hätte verwenden sollen – wahrscheinlich öfter hätte verwenden müssen, lautet Korruption. Zumindest mit einem Fragezeichen dahinter.

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Ratgeber: Mückenplage

— 3. April 2008

Setzt man voraus, dass der Verlust von zwei Litern Blut für einen erwachsenen Menschen akut lebensbedrohlich ist¹ und eine weibliche Stechmücke pro Stich zwischen 1 und 2,5µl davon aufsaugt², können bereits 800000 innerhalb eines kurzen Zeitraums erfolgende Stiche zum Tod durch Verbluten führen.

¹ Vgl. Blutung, in: Brockhaus Enzyklopädie, 21. Auflage, Leipzig/Mannheim 2006, Bd. 4, S. 304-305.
² Vgl. Kotter, Heiko: Bionomie und Verbreitung der autochthonen Fiebermücke Anopheles plumbeus (Culicidae) und ihrer Vektorkompetenz für Plasmodium falciparum, Erreger der Malaria tropica, Dissertation, Universität Heidelberg 2006, S. 12.

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Fresh goes better

— 12. März 2008

Sventos - The Freshmaker

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Sechs Jahre Verbalterrorismus

— 3. März 2008

Ich habe die Kelter allein getreten, und von den Völkern stand mir niemand bei; und so habe ich sie in meinem Zorn getreten und in meinem Grimm zerstampft, dass ihr Saft an meine Kleider spritzte und ich alle meine Gewänder besudelte.

- Jes 63,3

Zum anstehenden Geburtstag ein neues Design.

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Anti-Fasching 2008

— 31. Januar 2008

Es ist mir scheißegal, ob er seine normativ institutionalisierte und bis in die letzte Kamelle durchkommerzialisierte Ausgelassenheit nun Fasching oder Karneval nennt, ob er “Alaaf” oder “Helau” schreit. Der Deutsche Michel ist ein Spast!

Antifa (Fasching)

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